Windelfrei

Wenn wir ein Baby bekommen, gilt es vor der Geburt allerlei Vorbereitungen für den neuen Erdenbürger zu treffen. Auf der Liste der notwendigen Anschaffungen stehen Windeln wohl ganz weit oben. Bei dem Begriff Windeln werden nun die meisten zunächst einmal an Wegwerfwindeln denken. Eigentlich traurig, wenn man bedenkt, welche Ressourcen für die Herstellung einer Windel gebraucht werden, die dann nach einmaligen Benutzen in den Müll fliegt. Und die dann Jahrhunderte braucht, bis sie abgebaut ist. Eine schöne Alternative dazu sind waschbare Windeln. Die gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen und sind teilweise wunderhübsch anzusehen. Außerdem können sie nach Ende der Wickelzeit eines Kindes durchaus noch für die Wickelzeit eines zweiten oder dritten Kindes verwendet werden. Während sich die waschbare Stoffwindel so langsam in der allgemeinen Wahrnehmung etabliert, gibt es aber auch noch eine dritte Alternative, die bisher kaum einer (mehr) kennt: nämlich Windelfrei!

Brauchen Kinder tatsächlich Windeln?

An dieser Stelle werden nun sicher einige Leser komisch schauen, einige vielleicht mit den Augen rollen und mir einige -hoffentlich wenige – innerlich den Vogel zeigen. Deshalb mal Hand auf’s Herz: braucht ein Baby wirklich eine Windel?!

Also ich kann diese Frage für mich mit gutem Gewissen mit nein beantworten. Empirische Beobachtungen meinerseits haben ergeben, dass die Ausscheidung meines Kindes auch genauso gut ohne vonstattengeht. Eigentlich ist es doch so, dass wir Eltern diese Windel brauchen. Denn für uns ist sie eine enorme Erleichterung. Schließlich ist es mit dem Lebenswandel, der mit unserer Gesellschaft automatisch einhergeht, nicht immer möglich, auf die Bedürfnisse unsers Babys überall und sofort einzugehen.

Die Evolution kam ohne Windeln aus

Menschliche Babys sind von Natru aus Traglinge. Und als solche leben sie auf dem Arm bzw. am Körper ihrer Bezugspersonen. Diesen Ort möchten sie nach Möglichkeit nicht beschmutzten. Babys haben deshalb das Bedürfnis, sich woanders zu entleeren. Und das von Geburt an! Neugeborene sind bereits vom ersten Tag an in der Lage, ihre Körperöffnungen zu kontrollieren, andernfalls würden sie permanent auslaufen.

Um den warmen, kuscheligen Ort, an dem sie leben, nicht zu beschmutzen, entleeren sie sich bevorzugt dann, wenn sie diesen Ort verlassen. Kommt plötzlich kalte Luft an den Babypopo, ist das häufig das Signal, sich nun entleeren zu können. Das ist dann auch der Grund, warum Babys häufig dann pinkeln, wenn man ihnen gerade die Windel wechselt.

Ausscheidungskommunikation

Alle Babys sind von Geburt an in der Lage mitzuteilen, wenn sie mal „müssen“. Und jedes Baby gibt dann Signale. Diese sind allerdings von Baby zu Baby unterschiedlich. Das eine wird zappelig und unruhig, das Nächste fängt an zu weinen und wieder das Nächste gibt womöglich einen bestimmten Laut von sich. Das Signal dafür herauszufinden ist Aufgabe von uns Eltern, indem wir unser Baby einfach kennenlernen.

Ignoriert man diese „Ausscheidungskommunikation“ seines Babys, zwingt man es, in die Windel zu machen. Irgendwann wird sich das Baby dann damit abfinden und die Signale einstellen. Wir trainieren unseren Babys sozusagen erst die Windel an, um sie später wieder mühsam abzugewöhnen.

Ohne Windel? Wie soll das denn gehen?!

Ganz einfach wie bei uns Erwachsenen auch. Das Baby entleert sich nicht in die Windel, sondern an einem erwünschten Ort. Dazu wird das Baby einfach am entsprechenden Ort abgehalten. „Abhalten“ ist in diesem Fall einfach die Bezeichnung für „ich packe den Po meines Babys aus und halte ihn an die frische Luft, damit es sich entleeren kann“. Zum Abhalten haltet ihr euer Baby am besten mit seinem Rücken an euren Bauch und nehmt jeweils mit einer Hand einen Oberschenkel/Kniekehle. Diesen winkelt ihr dann soweit an, bis das Baby in der Hocke an eurem Bauch „sitzt“. Das Baby kann nun sein Geschäft verrichten. Habt dabei aber etwas Geduld! Es kann einen Moment dauern, bis das Baby sich lösen kann.

Ihr könnt euer Baby Zuhause direkt über der Toilette abhalten. Gerade am Anfang, wenn das Baby noch keine Beikost bekommt, eignet sich auch prima das Waschbecken dafür. Für Neugeborene gibt es zum Abhalten sogenannte Asiatöpfchen. Dabei handelt es sich um ein kleines Plastiktöpfchen mit breiten rändern. Alternativ dazu kann auch eine ausrangierte Rührschüssel verwendet werden oder später ein Töpfchen für Kleinkinder.

Windelfrei in unserem Alltag

Wer sein Kind ohne Windel groß werden lassen möchte, muss für es möglichst immer verfügbar sein. Das Baby eie Zeit lang ins Bettchen ablegen ist da schwierig, weil man dann womöglich nicht mitbekommt, wenn das Baby mal „muss“. Ich trage den meinen kleinen Mann deshalb möglichst oft bei mir. Dazu benutze ich vorwiegend einen Ringsling. Schließlich muss ich irgendwann auch mal noch etwas anderes machen, als mich an meinem Baby festzuhalten.

Wenn ich nicht gerade vorhabe längere Strecken zu laufen, ziehe ich den Ringsling dem Tragetuch vor. Denn daraus ist er super schnell herausgeholt. Ich muss ihn dafür vorher nicht aus den Tuchbahnen auswickeln. Da auch mal was daneben gehen kann, habe ich mir mehrere Slings gekauft. Ich habe sie größtenteils gebraucht erstanden, da mir bei einem schicken, neuen, teuren Sling für 150 Euro oder mehr einfach das Herz bluten würde, würde das große Geschäft des kleinen Mannes darin landen. Und außerdem gehen gebrauchte Slings nicht so ins Geld 😉

Während ich beim ersten Kind noch Strampler verwendet habe, bin ich beim zweiten nun schon wesentlich pragmatischer. Zu unserer Grundausstattung gehören nun einige Bodys, Tshirts, Hosen, Strumpfhosen und Babystulpen. Je weniger der kleine Mann anhat, desto weniger muss ich ihm ausziehen, wenn es dringend wird. Ich packe dabei vor allem die Füße, Beine und Arme ein, denn die hängen aus dem Tragetuch oder dem Sling heraus und werden nicht so gut von meinem Körper gewärmt. Oder sie müssen im Sommer vor der Sonne geschützt werden. Wenn er nicht gerade eine Hose oder einen Body trägt, hat der kleine Mann im Sling am Po meist nichts weiter an.

So viel Aufwand!?

Wenn ihr euch das jetzt aufwendig vorstellt, muss ich euch sagen: jaein! Sicher, einem Kind einfach eine Windel anzuziehen und es dann mal für eine Weile in die Wiege zu legen ist angenehm, bequem und manchmal auch unumgänglich. Wer aber bedürfnisorientiert mit seinem Kind lebt und viel trägt, für den ist es kaum Mehraufwand. Euer zusätzlicher Aufwand besteht dann lediglich darin, euer Kind häufiger Abzuhalten. Anfangs gibt es mit Sicherheit auch mal noch den einen oder anderen „Unfall“. Wenn ihr aber erstmal ein eingespieltes Team seid, ist windelfrei eine recht zuverlässige Sache. Ein schöner Nebeneffekt: trotz sehr empfindlicher Haut hatte mein älterer Sohn (den haben wir damals auch regelmäßig abgehalten) nie einen wunden Po.

Windelfrei ist sicher nicht für jeden machbar. Auch wir müssen unserem Sohn immer mal wieder eine Windel anziehen, wenn es die Situation erfordert. Wir sind da auch nicht dogmatisch und können verstehen, wenn andere uns nicht verstehen. Wir freuen uns einfach über jede Windel, die wir sparen können. Dem Kind, dessen Haut und der Umwelt zuliebe und nicht zuletzt auch für Geldbeutel.

Pragmatisch: ja – dogmatisch: nein!

Zugegeben, windelfrei zu sein ist nicht immer möglich. Und gerade dann, wenn man ein Kind in die Fremdbetreuung gibt, wird die Windel oft unverzichtbar.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen man auf eine Windel zurückgreifen muss. Wie beim Einkaufen oder unterwegs in der Bahn. Oder, oder. Wir sind in solchen Situationen immer „Teilzeit-Windelfrei“ und ziehen unserem Sohn dann eine Windel zur Sicherheit an. Quasi die Backup-Windel. Solange es möglich ist, halten wir ihn über einer Toilette ab. Wenn nicht, muss eben auch mal die Windel herhalten. Wir verwenden auch für nachts zur Sicherheit eine Windel. Manchmal bekomme ich es nämlich einfach nicht schnell genug mit, wenn der kleine Mann eine volle Blase hat. Die Backup-Windel eignet sich auch prima für tagsüber, wenn man sich ein Leben ohne nicht zutraut. Jede ersparte Windel ist ein Gewinn für euren Geldbeutel, die Umwelt und nicht zuletzt auch für euer Kind.

 

Eure Esther

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