Wie die Empathie dem „Aua“ Flügel verleiht

Mein großer Sohn ist ein körperlich sehr aktives Kind. Er bewegt sich kontinuierlich und sein aktuelles Lieblingswort ist: “Vollgas!”. Er hüpft, springt und rennt durch die Gegend, und wenn das nur eingeschränkt möglich ist, läuft er notfalls auch einfach mal auf 2m² im Kreis. Man könnte meinen Sohn jetzt als Zappelphillip abstempeln, aber ich sage darüber gerne, er hat halt einfach ein paar PS mehr.

Zu meinem Leidwesen gesellt sich zu seinem Bewegungsdrang auch eine gewisse Schusseligkeit. Die verhält sich proportional zu seiner Müdigkeit. Enstprechend oft ist mit Stolperen oder Stürzen gegen Ende des Tages zu rechnen. Und entsprechend schlimm sehen im Sommer seine Knie aus. Letzten Sommer musste wir deshalb auch mal einige Tage lange Hosen tragen, damit er sich die alten Schürfwunden nicht täglich aufs Neue aufreißt.

Es ist als Mama nicht leicht dabei zuzusehen, wie sich das eigene Kind verletzt. Und häufig sieht man das Unglück auch schon einige Momente vorher herannahen und man weiß manchmal schon vorher, über welche Wurzel das Kind gleich stolpern wird. Ermahungen wie „pass lieber ein bisschen auf“ oder „renn hier nicht so schnell“ sind da leider völlig nutzlos und oft sogar kontraproduktiv. Denn Angst ist ein schlechter Berater und durch den Stress, den man damit in eine Situation bringt, passieren Unfälle noch viel eher.

Mama ich hab mir Aua gemacht“

Und so kommt es irgendwann wie es kommen muss: das Kind fällt und tut sich weh. Mal mehr, mal weniger. Manchmal sieht man nix, manchmal hat es sich eine ganz ordentliche Schramme inklusive kaputter Hose geholt. Das ist natürlich ärgerlich, denn die Klamotten sind nicht gerade umsonst. Das Schlimmste ist für mich aber, dass mein Kind dann dasitzt und weint. Das geht mir wirklich an die Nieren. Und abhängig vom momentanen eigenen Stresslevel, ertappe ich mich manchmal auch bei Gedankengängen, die in die Richtung von „Ich habs dir doch gesagt“ gehen. Und das ist – sind wir mal ehrlich – dem Kind gegenüber weder emphatisch noch fair.

Hören wir als Erwachsene jedes Mal auf gute oder gut gemeinte Ratschläge? Wohl kaum. Und das, obwohl wir erwachsen sind, einen ganz guten Überblick über die Situation haben (könnten) und wir unsere Impulse und Emotionen eigentlich im Griff haben (sollten). Manchmal reagiere sogar ich als erwachsener, vernünftiger Mensch mit negativen Emotionen auf Ratschläge und ignoriere, belächle und/oder ärgere mich wahlweise darüber. Das wir das dann aber bei unseren kleinen Kindern erwarten oder zumindest gerne hätten, ist ein klein wenig absurd.

Und was würde das auch aus unseren Kinder bzw. deren Kindheit machen, wenn immer nur das passieren würde, was wir Erwachsenen für richtig halten? Es wäre ein ganz arme, traurige und farblose Kindheit. Eine, die zwar von maximaler Sicherheit geprägt ist, aber überhaupt keinen Raum für eigene Erfahrungen zulässt. Irgendwann sind wir aber nicht mehr da, um unsere Kinder zu beschützen. Irgendwann müssen sie auf eigenen Beinen stehen und sind darauf angewiesen, aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen zu können. Natürlich ist es blöd, wenn das eigene Kind weinend mit einem blutenden Knie vor einem sitzt. Das möchte wirklich keine Mama und auch kein Papa. Aber es gehört nunmal zum Abendteuer Kindheit dazu. Auch, dass man Mama’s Warnungen einfach überhört, weil die Blumen da drüben so schön bunt sind.

Keine Absicht

Kinder machen das nicht mit Absicht. Sie möchten sich nicht weh tun und schon gar nicht verletzen. Es ist halt passiert, weil sie eben noch nicht in der Lage waren, sich anders zu verhalten. Sie dann für etwas zu schimpfen, das sie noch nicht können ist nicht fair. Aus Sicht des Kindes ist es gemein und kratzt auf Dauer am Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind. Denn wer lässt sich für erlittenen Schmerz schon gern ausschimpfen. Wir nicht, unsere Kinder auch nicht. Und wenn dann Mama und Papa schon bei einem kleinen Aua so reagieren, wird sich das Kind später bei großen Problemen zweimal überlegen, ob es sich bei seinen Eltern Hilfe holen möchte.

Was du nicht willst, das man dir tut…

…das füge auch deinem Kind nicht zu. Ich denke es ist für die meisten von uns unvorstellbar, dass nach einem Sturz oder einem gebrochenen Zeh unser Partner zu uns sagt:”Jetzt stell dich nicht so an“. Oder: “So schlimm ist das doch nicht.“. Auch der Klassiker: „Das ist doch kein Grund zum Weinen!“ ist da keinen Deut besser. Wenn wir dasitzen und vor Schmerz oder Frust weinen, möchten wir sowas auf gar keinen Fall gesagt bekommen. Weder von unserem Partner, noch von unserer besten Freundin. Von Menschen, die uns so nahe stehen, erwarten wir selbstverständlich eine ensprechende Portion Emphatie und Anteilnahme. Nur bei unseren Kindern machen wir da leider oft Ausnahmen. Und das, obwohl doch gerade unsere Kinder besonderen Schutz und Fürsorge benötigen.

Viel zu oft höre ich auf Spielpläzen immer noch Sätze wie die oben genannten. Und das tut mir ganz schön Leid. Primär natürlich für die betroffenen Kinder. Zum anderen aber auch für die Eltern, die es in ihrer Kindheit wohl selbst nicht anders erfahren haben und vermutlich auch nicht wissen, was sie gerade damit anrichten. Abgesehen davon, ändert Schimpfen mit dem Kind überhaupt nichts an der Situation! Es macht auch nichts besser. Weder für den Augenblick, noch für das nächste mal. Wie man es dreht und wendet, es ist und bleibt völlig sinnbefreit und kontraproduktiv!

Was Hänschen nicht lernt

Die Erziehung oder vielmehr, wie unser Umfeld mit uns umgeht, beinflusst unser ganzes Leben. Es formt uns zu der Person, die wir sind und bestimmt zu einem guten Teil mit, wie wir in bestimmten Situationen reagieren. Kinder schauen zu ihren Eltern auf, lernen von ihnen, spiegeln sie und nehmen sie als Referenzpunkt. Wir können deshalb nicht erwarten, dass aus unseren Kindern liebevolle und emphatische Menschen werden, wenn wir sie von oben herab behandeln, wenn sie gerade eine extra Portion Liebe benötigen.

Dazu ein Zitat von Eckart von Hirschhausen:

“Wenn ich als Kind hingefallen war, tröstete mich meine Mutter. Sie pustete und sprach die magischen Worte: «Schau mal, Eckart, da fliegt das Aua durchs Fenster!» Und ich habe es wirklich fliegen sehen. Sogar durch geschlossene Fenster. Mein ganzes Medizinstudium habe ich darauf gewartet, dass mir ein gelehrter Professor erklärt, warum das Aua fliegen kann. […] Und selbst wenn ich als erwachsener Mensch irgendwann so aufgeklärt, so abgeklärt, so zynisch geworden bin, dass ich an die Flugfähigkeit von Schmerz nicht mehr glauben kann oder mag … Kurz gesagt: Es wäre dem Kind gegenüber immer noch eine unterlassene Hilfeleistung, aus Klugscheißerei nicht zu pusten!”

Und dass ist es, was ich meinem Kind beibringen möchte. Das Rechthaben eben nicht wichtiger ist, als es in den Arm zu nehmen und die schmerzende Stelle zu pusten. Auch wenn die davon selbstverständlich nicht weg geht, so lenkt das Pusten doch wenigstens ein klein wenig vom Schmerz ab. Und wer möchte nicht in den Arm genommen werden, wenn es ihm schlecht geht!?

Ich muss an dieser Stelle natürlich auch nochmal unterstreichen, dass auch ich bei dem Thema da meine Schwächen habe. Oft genug geistern mir Sätze wie „Ich habs ihm doch gesagt!“ durch den Kopf. Aber ich möchte den Grundstein legen für ein anderes Miteinander. Deshalb schlucke ich dann meinen Groll über die kaputte Hose runter und tröste meinen Sohn, wenn das Knie mal wieder blutet. Auch wenn ich ihn vor der Situation gewarnt habe und die neue (womöglich teure) Hose nun kaputt ist. Mein Sohn dankt es mir mit Vertrauen und liebevollen Gesten seinem kleinen Bruder gegenüber, wenn dieser ein Problem hat.

 

Pustet ihr auch das Aua, also den Schmerz eurer Kinder weg – selbst wenn ihr euer Kind 100 Mal vor einer Situation gewarnt habt?

Ich freue mich auf eure Kommentare!

Esther

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