Wenn Zeit zur Mangelware wird

Meine Blogpartnerin Anke ist vor kurzem umgezogen. So ein Umzug ist natürlich schon an sich ganz schön stressig. Gerade wenn man in dieser Zeit noch einen Bauchzwerg mit sich herumträgt und arbeiten geht. Aber wenn man dann noch ein Kind hat, um das man sich währenddessen kümmern muss, macht es das nicht gerade einfacher.

Gerade für ein Kind ist so ein Umzug ja ein gravierender Einschnitt ins Leben. Die gewohnte Umgebung ist plötzlich nicht mehr da, Mama und Papa haben gerade auch nicht so viel Zeit wie gewohnt. Der Umzugsstress geht an den Kleinen nicht so einfach vorbei. Und weil kleine Kinder das alles noch nicht so zuordnen und verstehen können, ist es umso wichtiger, sie liebevoll durch den Umzugsstress zu begleiten. Auch von Außen konnte man sehen, wie dringend die Tochter von Anke die Ansprache und das Verständnis gebraucht hat. Und es war schön zu sehen, wie Anke ihre Tochter durch die sich verändernde Situation begleitet hat.

Zu sehen, wie der Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit die Eltern-Kind-Bindung beansprucht, hat mich dann doch ein klein wenig nachdenklich gemacht. Denn ähnlich wie Anke´s Tochter ist es wohl auch meinem Sohn gegangen, als der kleine Bruder zur Welt kam. Hatte er vorher noch Exklusivrechte auf meine Aufmerksamkeit, musste er diese nun mit dem Neuankömmling teilen. Oder auch mal hinten anstehen und kurz warten.

Es ist im Alltag oft ein Spagat, beiden Kindern immer gleich gerecht zu werden. Zumindest versuche ich diesen Spagat, denn da wo unterschiedliche Interessen sofort erfüllt werden möchten, muss zwangsläufig einer mal kurz warten. Zumindest solange, wie ich es noch nicht geschafft haben, mich aufzuteilen. Natürlich möchte ich mich um jedes meiner Kinder gleichermaßen kümmern und ihm Zeit schenken. Aber spätestens wenn das zweite Kind da ist, steht man leider immer wieder zwischen zwei Interessen. Man muss sich anders organisieren, muss Kompromisse finden. Zwangsläufig muss man dann auch mal etwas bzw. einen von beiden hinten anstellen. Es fühlt sich als Mama total blöde an und das Letzte was ich möchte ist, dass eines meiner Kinder weinen muss oder sich gar abgeschoben fühlt. Trotzdem kommen immer wieder Momente, in denen einer von beiden sehr unzufrieden ist. Denn auch wenn mir das furchtbar Leid tut gibt es halt Dinge, die keinen Aufschub dulden. Wie beispielsweise die dicke Beule am Babyköpfchen zu pusten, während der Große aber nun sofort den Apfel geschält bekommen möchte. Oder der Gang zum Spielplatz, während das Baby gerade noch gestillt wird.

Auch wenn ich manchmal meine Zeit zwischen beiden Kindern aufteilen muss und mir das dann Leid tut, wäre es für mich aber auch im Nachhinein kein Grund, mit einem weiteren Kind deswegen zu warten. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass alle Beteiligten an der Situation wachsen und auch oder gerade das ältere Kind von der geteilten Mama profitiert. Kompromisse einzugehen will nämlich auch gelernt werden. Und die wird es im Leben immer wieder geben, ob es uns nun gefällt oder nicht. Wir leben bedürfnisorientiert, und das bedeutet für uns, dass in unserer Gemeinschaft die Bedürfnisse aller wichtig sind. Das heißt aber nicht, dass wir immer den Weg finden, der für alle gleichzeitig am Besten ist und immer alle glücklich sind. Aber wir versuchen immer den Weg zu gehen, mit dem jeder von uns gut Leben kann.

Ich versuche in so einer Konfliktsituation immer zuerst dass Bedürfnis zu erfüllen, das – zumindest aus meiner elterlichen Sicht – am drängendsten ist. Es ist halt leider keine Option, einen Säugling brüllen zu lassen, weil sich der Zweijährige wünscht, auf der Toilette beim großen Geschäft die Hand gehalten zu bekommen. Oder dass er versucht, an mir hochzuklettern, während ich wiederum versuche, das zappelige Brüderlein auf den Rücken in die Tragehilfe zu packen. Mir bleibt dann manchmal nichts anderes übrig, als den Großen auf nachher oder das nächste Mal zu vertrösten.

Natürlich gibt das dann Tränen und ich kann seinen Frust auch verstehen. Es macht auch nichts besser, dann in so einem Moment zu sagen, dass das kein Grund zum Weinen sei. Denn schließlich ist das Kind in dem Moment traurig genug, um weinen zu müssen. Und es kann eben in dem Moment die Situation noch nicht weit genug überblicken. Es versteht noch nicht, dass das „Nein“ nur für den Augenblick gilt. Deshalb ist es so wichtig, ein Kind damit nicht alleine zu lassen. Ich kommuniziere meinem Sohn dann, dass ich seine Wut und seine Trauer verstehe. Dass es auch in Ordnung ist, diese Gefühle zu haben. Ich versuche ihm aber auch zu erklären, dass und warum er gerade warten muss. Dass ich mich um sein Anliegen kümmere, sobald ich XY erledigt habe.

Das hört sich jetzt sicher einfach an, wenn man das so ließt. Niedergeschrieben ist es ja auch schnell. Und leider fehlt den Zeilen hier die Möglichkeit, auf die Schnelle widerzuspiegeln, wie nervenaufreibend so eine Situation für mich als Mutter ist. Auf der einen Seite das weinende Baby, auf der Anderen der große Bruder, der jetzt sofort ein Erdnussbutterbrot haben will. Das erfordert häufig alle emotionalen Reserven, die ich gerade aufbringen kann. Manchmal gelingt mir das gut und dann gibt es natürlich auch Tage, an denen ich das weniger gut schaffe. Tage, an denen ich mich nach einer durchwachten Nacht morgens verzweifelt an die Kaffeemaschine schleppe, damit der Zoo den entlaufenen Pandabären nicht gleich wieder einfängt. An solchen Tagen fehlen mir dann leider auch mal die Kraft und die Nerven, um noch diplomatisch zu bleiben. Und dann kommt hin und wieder auch mal ein „Nein, das wird jetzt einfach so gemacht“ mehr, als mir lieb ist.

So ein kategorisches Nein kommt besonders dann vor, wenn sich die Konfliktsituation schon das gefühlte fünfhundertste Mal wiederholt hat und es sich anfühlt, als würde ich gegen Windmühlen reden. Trotzdem oder gerade deshalb finde ich es wichtig, mit dem Kind im Gespräch zu bleiben. Sonst bilden sich mit der Zeit nur verhärtete Fronten auf beiden Seiten. Der Weg zum Verständnis ist voller unzufriedener Momente für alle Beteiligten. Aber irgendwann kam der Moment, in dem der große Bruder den geistigen Sprung schaffte und Verständnis dafür gezeigt hat, dass er kurz warten muss. Er schickte mich weg und sagte: „Mama, du musst Nico zuerst trösten, der weint“. Man, war ich da stolz auf meinen Sohn!

 

Eure Esther

Deine Meinung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.