Warum mein Kind nicht „muss“

Vor kurzem ist mir im Internet ein Zitat über den Weg gelaufen, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Es handelt sich dabei um ein Graffiti an einer Berliner U-Bahn Station.

„Wenn ich nur darf, wenn ich soll,
und nie kann, wenn ich will,
dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.
Wenn ich aber darf, wenn ich will,
dann mag ich auch, wenn ich soll,
und dann kann ich auch, wenn ich muss.
Denn schließlich: Die können sollen, müssen auch wollen dürfen!“

Diese Zeilen haben mich sehr bewegt und traurig gestimmt. Denn sie sagen doch so viel über den allgemeinen Umgang mit unseren Kinder und dem gesellschaftlich etablierten Verständnis von Erziehung aus. Betrachtet man die durchschnittliche Erziehung, wie sie in unserem Kulturkreis praktiziert wird, findet man tatsächlich sehr viel mehr „muss“ als „darf“. Und wenn ein „darf“, dann oft in Form von „du darfst nicht“.

Viele von uns Erwachsenen kennen die „du musst und du darfst nicht“-Mentalität ja noch aus der eigenen Kindheit. Nicht, dass uns das gefallen hätte. Oder wir uns dadurch wertgeschätzt gefühlt hätten. Oder es uns in irgendeiner Weise zu besserer Leistung und mehr Lebensglück verholfen hätte. Das hält uns aber scheinbar nicht davon ab, es genauso bei unseren Kindern zu praktizieren.

Irgendwie total unsinnig, dass was uns selbst am meisten gestört hat, genauso an unsere Kinder weiterzugeben, oder?! Und diejenigen unter uns, die sich einen Ausbruch aus diesem starren Muster erlaubt haben, werden häufig und in der Regel ungefragt von ihren Mitmenschen daran erinnert, was denn ihr Kind alles zu müssen habe.

Da wären zum Beispiel: Das Kind muss…
… möglichst bald alleine Durchschlafen. (angeblich kann man das lernen)
… sich möglichst anständig benehmen… (was im Allgemeinen verstanden wird als Stillsitzen und ja keine unnötige Arbeit verursachen)
… sich alles gefallen und von jedem anfassen lassen (als würden wir Erwachsene das auch so tun)
… an möglichst vielen Frühfördermaßnahmen teilnehmen, damit aus dem Kind was wird

Das ist ganz schön viel Druck für so einen kleinen Menschen, der sich selbst, sein Umfeld und die vielen Möglichkeiten erst kennen lernen muss. Das man unter Druck nicht besonders effektiv lernt, ist nun nicht neu. Dennoch wird bei Kindern oft damit nicht gespart. Man möchte ja stolz sein auf das Kind. Man möchte nicht, dass die Nachbarn denken, man wäre eine unfähige Mutter bzw. Vater. Und wir meinen es dabei auch nur gut, denn wir wollen, dass unseren Kindern mal die Welt offen steht. Meiner Meinung nach wird das genau aber schwierig, wenn wir im Kleinkindalter schon anfangen, sie in Form pressen zu wollen.

„Erziehung ist Liebe und Vorbild“

Kinder lernen Dinge und Verhaltensweisen nicht, indem wir sie zwingen etwas zu tun. Der berühmte Satz beim Metzger: „Na, und wie sagt man?!“ führt nicht dazu, dass das Kind dankbar ist, sondern nur dazu, dass es sich dem Druck beugt und etwas tut, dass wir von ihm erwarten. Das mag zwar teilweise funktionieren, aber nur insofern, dass sich unser Kind ans „Protokoll“ hält. Eine achtsame Persönlichkeit ziehen wir so nicht heran. Und je größer der Druck ist den wir ausüben, desto heftiger wird das Kind irgendwann ausbrechen. Oder furchtbar unglücklich werden. Denn es fühlt sich ganz schön mies an, wenn man ständig gesagt bekommt, dass man so nicht richtig sei.

Kinder lernen am meisten vom Verhalten ihres Umfeldes. Vor allem in den ersten Lebensjahren schauen sie sich das Meiste von ihren Bezugspersonen ab. Mit unserem Verhalten dienen wir als Beispiel. Wir geben ihnen damit die Werkzeuge in die Hand, Situationen zu bewältigen und Probleme zu lösen. Ist unser Ansatz der Problemlösung jemand anzuschreien, wird das Kind das irgendwann so übernehmen. Der „Klaps“ in der Erziehung wird irgendwann als legitimes Mittel gegenüber Schwächeren übernommen. Zeigen wir uns dagegen unseren Mitmenschen gegenüber achtsam und respektvoll, wird das Kind das auch irgendwann übernehmen.

Und jetzt mal Hand aufs Herz: wie viele ältere Personen kennen wir, die fröhlich und zufrieden durchs Leben laufen und nett zu ihren Menschen sind? Ich für meinen Teil ärgere mich anteilsmäßig nicht am häufigsten über die junge Generation. Es sind eher Personen im Rentenalter, die mir hier und da durch ihr Verhalten unangenehm auffallen. Und das ist ja nun gerade die Generation, die am strengsten erzogen wurde.

Die Chance etwas besser zu machen

Es ist an uns, endlich mal was anders zu machen und aus einem Erziehungssystem auszubrechen, das ganz augenscheinlich nicht zum glücklichen und selbstzufriedenen Leben führt. Wir können durch unser Vorbild unseren Kindern verschiedene und möglichst gewaltfreie Möglichkeiten der Konfliktbewältigung zu zeigen. Das ist anstrengend und erfordert mehr Aufwand als ein einfaches „Nein“. Aber wenn wir möchten, dass unsere Kinder unsere Werte übernehmen, müssen wir sie ihnen auch vorleben. Und das fängt im Umgang mit ihnen an. Wir können keine zwei Klassen-Familie bilden und dann erwarten, dass das Kind das so auf Dauer hinnimmt oder gar gut findet. Als Maßstab nehme ich dabei immer, ob ich meinem Ehepartner oder einem Freund gegenüber in der bestimmten Situation auch so verhalten würde, wie ich es meinem Kind gegenüber tue. Ist die antwort nein, ist es Zeit mein Verhalten auf den Prüfstand zu stellen und gegebenfalls etwas daran zu ändern.

Ich gebe zu, dass ist manchmal ganz schön anstrengend und es ist auch nicht immer alles rosa. Es gibt bei uns wie bei anderen auch Momente, da möchte ich meine Kinder gerne in den Schrank stellen und wünsche mir einen Ausschalter an ihnen. Und dann ist da ja auch noch mein eigener Schatten, über den ich immer wieder springen muss. Denn schließlich durfte ich noch eine andere Art der Erziehung „genießen“. Aber jedes Mal, wenn ich den Sprung geschafft habe, weiß ich wofür und ich weiß, dass der Sprung richtig und wichtig war.

 

Herzlichst, eure Esther

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