Tragen – eine Alternative, die eigentlich keine ist

Bevor ein Kind zu Welt kommt, haben alle werdenden Eltern ein bestimmtes Bild vor Augen, wie denn so ein Leben mit Kind bzw. ein Familienalltag ungefähr aussieht. Dieses Bild wird zu großen Teilen von dem beeinflusst, was wir tagtäglich um uns sehen und von anderen Familien mitkriegen. Aber auch die Werbung hat sicherlich ihren Anteil daran. Das gilt insbesondere für Themen wie Stillen, das Schlafen und nicht zuletzt dem Tragen bzw. der alltäglichen Beförderung des kleinen Wunders.

Was normal ist, definiert sich auch durch das soziale Umfeld

Gerade wenn man in der Familie und im Freundeskreis zu den Ersten gehört, die eine neue Generation zur Welt bringen, hat man wenig Möglichkeiten, die eigenen Vorstellungen mit der Realität zu vergleichen. Der allgemeine Konsens zur Kindererziehung sitzt fest im Kopf und so hinterfragt man beispielsweise auch nicht die vielen Ratschläge im Internet, die man überall bekommt. Bei der Erstausstattung sind vorgefertigte Listen ein bequemer Weg, das Thema scheinbar zügig und vollständig abzuhaken. Was man tatsächlich für ein Kind braucht, merkt man häufig erst hinterher. Und meist ist das deutlich weniger, als man vorher besorgt hat.

Auch wir haben uns vor der Geburt unseres ersten Kindes auf eine der zahlreichen „Einkaufslisten“ verlassen, die man im Internet so findet. Neben vielen Kleinigkeiten finden sich da auch größere Anschaffungen wie der Kinderwagen. Gerade beim ersten Kind muss es alles perfekt sein. Wir haben uns deshalb für ein kleines, wendiges Markenmodell entschieden. Da unser Budget begrenzt war, haben wir uns für einen gebrauchten Kinderwagen entschieden. Aber immerhin hatte der alles, was sich mein werdendes, mütterliches Herz so wünschen konnte.

Wenn die (Wunsch)Vorstellung auf die Realtiät trifft

Als dann mein Sohn zu Welt kam, trafen meine (Wunsch-)Vorstellungen auf die Realität. Ganz besonders hart war die Kollision beim Schlafen und beim transportieren im Kinderwagen. Denn mein Sohn teilte mir bereits nach wenigen Minuten sehr ausdauernd und lautstark mit, dass er es überhaupt nicht schätzt, alleine zu liegen. Und so wurde aus der Vorstellung eines gemütlichen Spazierganges mit Kind und Mann in der Realität ein absolutes Desaster. Bereits nach wenigen Minuten endete der Ausflug mit einem brüllenden Kind und einer gestressten Mutter. Jeder Versuch, mein Kind im Kinderwagen zu beruhigen, scheiterte kläglich. Die einzige Möglichkeit, meinen Sohn zu zufrieden zu stellen, war ihn aus dem Kinderwagen zu nehmen und im Arm zu halten. Die wenigen Ausflüge mit dem Kinderwagen endeten immer damit, dass ich ihn unter meiner Jacke gekuschelt getragen habe, während meine Begleitperson den leeren Kinderwagen geschoben hat.

Uns war schnell klar, dass wir an dieser Situation etwas ändern mussten. Da sich unser Sohn keine 5 Meter mit dem Kinderwagen transportieren lassen wollte, haben wir uns nach einer Alternative umgesehen. Die Entscheidung für ein Tragetuch fiel relativ schnell und bereits nach kurzer Zeit wurde das Tuch durch eine gute Tragehilfe ergänzt. Seit dem Tag, an dem wir angefangen haben unseren Sohn zu tragen, hat er nie wieder auf einem Spaziergang geschrien. Aus einem brüllenden Kind und einer verzweifelten Mutter wurde von einem Moment auf den anderen eine zufriedene Kuscheleinheit. Anstatt sich in Rage zu schreien, kuschelte sich mein Sohn an meine Brust und schaute sich interessiert die Welt an. Auch für mich war das ein schönes Gefühl, mein Kind so nah bei mir zu haben und seinen Atem zu fühlen.

Tragen schafft Nähe, Nähe schafft Vertrauen

Wenn man sein Kind so nah bei sich hat, hat man immer Gewissheit, wie es dem kleinen Schatz gerade geht. Man muss nicht ständig kontrollieren, ob es dem Kind im Wagen noch warm genug ist. Denn die mütterliche Brust ist nicht nur zum Stillen gut, sie wärmt auch ganz prima. Seit wir auf’s Tragen umgestellt hatten, musste ich meinen Sohn nicht mehr in Berge von Kleidern packen. Trotz der dünneren Kleiderschicht war er immer wärmer, als er es im Kinderwagen je war. Mein Sohn wiederum musste nicht mehr nach meiner Nähe brüllen. Ich erfülle ihm das Bedürfnis nach meiner Nähe gerne. Mein Kind lernt, dass Mama da ist, wenn es mich braucht und das schafft Vertrauen. Nicht nur Vertrauen meines Kindes in mich, ein zufriedenes Kind stärkt auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Mutter oder Vater.

Mittlerweile ist unser Sohn bereits über zwei Jahre alt und läuft in der Regel alleine. Wenn er unterwegs müde wird, lässt er sich aber immer noch gerne Tragen. Da das Gewicht eines Zweijährigen für das Tragen vor der Brust zu viel ist, tragen wir ihn mit einer Tragehilfe auf dem Rücken. Die Belastung ist so vergleichbar mit der eines Wanderrucksacks und es ist durchaus auch für längere Strecken aushaltbar, ohne Rückenschmerzen davon zu bekommen.

Wenn wir mit der Tragehilfe unterwegs sind, sind die Reaktionen darauf größtenteils positiv. Während uns junge Eltern manchmal ein bisschen skeptisch beäugen, reagieren gerade ältere Personen oft sehr positiv auf das Tragen. Wir werden häufig darauf angesprochen, wie schön das Kind es doch so nah bei Mama hätte. Hin und wieder kommt es auch vor, dass mir ältere Damen mitteilen, dass sie es bedauern, dass es so etwas zu ihrer Zeit nicht gegeben hätte. Wie nun die Reaktionen auch ausfallen, gemeinsam haben beide Parteien, dass das Tragen als „alternativ“ empfunden wird.

Ist Tragen tatsächlich die Alternative? Wie war das denn früher?

Aber ist das tatsächlich so? Ist Tragen wirklich so alternativ? Wie haben das denn unsere Vorfahren gemacht in der Zeit vor gepflasterten Straßen und der Erfindung des Kinderwagens? Da mich diese Frage lange beschäftigt hat, bin ich ihr irgendwann nachgegangen. Der erste Schritt zurück war zu meinen Eltern. Und siehe da: auf Nachfragen erzählten sie mir, dass sie wohl einen Kinderwagen hatten. Schließlich habe das ja zum guten Ton gehört. Für längere Strecken – meine Eltern waren viel Wandern – haben sie meine Geschwister und mich aber bis ins Kleinkindalter getragen. Es gibt auch einige Kinderfotos von uns die beweisen, dass Tragehilfen keine Erfindung der letzten Jahre sind.

Kinderwägen zu Omas Zeiten

Der nächste Schritt zurück war zur Generation meiner Oma. Diese kann ich leider nicht mehr befragen. Aber ich habe eine noch lebende Großtante mit über 90 Jahren. Glücklicherweise konnte sie sich noch gut an die Zeit damals erinnern und mir einiges zu dem Thema erzählen. Auf die Frage nach dem Kinderwagen damals hat sie herzlich gelacht. Nicht, weil sie es sich nicht hätte leisten können. Denn die Familie meiner Großtante war sehr wohlhabend. Dennoch hätte man damals kaum einen Kinderwagen gesehen. Insbesondere in den ländlichen Gegenden sei das aufgrund der nicht vorhandenen bzw. schlecht ausgebauten Straßen gar nicht möglich gewesen. Kinderwägen seien nur etwas für die feine und reiche Gesellschaft der Stadt gewesen. Ein Statussymbol, mit dem Kindermädchen den Nachwuchs der reichen Gesellschaft im Park ausführten. Gehörte man nicht dieser kleinen Oberschicht an oder lebte man in ländlichen Gegenden, legte man das Kind entweder in sein Bettchen oder trug es in einem Tuch. Als Tragetuch wurde dabei alles verwendet, was vorhanden und lang genug war, um daraus eine Schlinge zu bilden. Welchen Stoff man verwendete, kam vor allem auf den Geldbeutel der Eltern an.

Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass man früher kaum Kinderwägen verwendete. Es mangelte an befahrbaren Straßen, außerdem ließ der Komfort der Wägen zu wünschen übrig. Luftbefüllte, bewegliche Räder gab es damals noch nicht. Bemüht man eine Suchmaschine zum Thema Kinderwagen, so bekommt man ganz ähnliche Angaben. Bevor der Kinderwagen für die breite Masse eingeführt wurde, wurden Kinder in allem transportiert, was sich irgendwie dazu nutzen ließ. Getragen wurde in Tüchern, Körben und Holzsäcken. Sobald ein Kind sitzen konnte, wurde es auch Lastkarren oder ähnliches gesetzt.

Praktisch, aber nicht artgerecht

Man sollte auch bedenken, dass der Kinderwagen vor allem eine Erleichterung für die Eltern ist. Für die Kinder bringt er weniger Vorteile. Ihre genetisch vorgegebene Überlebensstrategie als Tragling, die sich Jahrtausende bewährt hat, ist noch lange nicht in unserer technisierten Neuzeit angekommen. Ein Baby fühlt sich am Wohlsten, wenn es auf dem Arm seiner Bezugsperson ist. Es bekommt so mehr von seiner Umwelt mit, hat aber auch gleichzeitig die Möglichkeit, sich an die Brust des Trägers zurückziehen, wenn es ihm zu viel wird. Auch die körperichen Vorteile sollten nicht außer Acht gelassen werden. Druch die Bewegungen des Trägers wird beim Tragen auch die Muskulatur des Babys trainiert. Zudem beugt häufiges Tragen dem Risiko eines lagerungsbedingten Schiefkopfes vor.

Selbst mit seinen zwei Jahren sucht mein Sohn immer wieder meine Nähe und möchte auf den Arm genommen werden. Auch ich genieße diese Nähe und wenn ich zurück denke, ärgert es mich schon ein bisschen, mich nicht vor der Geburt meines Sohnes mit dem Thema auseinander gesetzt zu haben. Das hätte mir nicht nur die Anschaffung eines teuren Kinderwagens erspart. Einen Kinderwagen, den ich gar nicht genutzt habe. Es hätte mir und meinem Kind auch einige unschöne Momente mit dem Wagen erspart. Wäre dieses Bild von der vermeintlichen Normalität nicht so fest in meinem Kopf gesessen, wäre ich schon früher auf ein Tragetuch umgestiegen.

Tragen ist weltweit immer noch die Norm

Getragen wird also nicht erst seit gestern. Global betrachtet ist das Tragen auch heute noch die häufigste Art, sein Kind zu transportieren. In Asien, Afrike und Südamerika werden Babys und Kleinkinder vorwiegend getragen. Es ist also eher der Standard als eine Alternative. Ein Kinderagen kann eine praktische Sache sein und ich möchte ihn auch keinesfalls schlecht reden. Aber wenn man das Thema einmal nüchtern betrachtet, ist wohl eher der Kinderwagen eine Alternative zum Tragen. Eine Alternative, die uns Eltern in westlichen Industrienationen das Leben erleichtern soll. Meine Erfahrung mit Kinderwägen ist, dass sie zwar manchmal, aber leider nicht immer praktisch sind. Das gilt besonders dann, wenn man Einkaufen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Je nach Uhrzeit kann es schon mal schwer sein, mit einem Kinderwagen in Bus oder Bahn einen Platz zu bekommen. Und auch in kleinen, engen Läden kann das Rangieren schon mal ganz schön knifflig werden. Diese Probleme habe ich mit einem Tuch oder einer Tragehilfe erst gar nicht. Außerdem habe ich beim Einkaufen zwei Hände frei.

 

Eure Esther

 

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