Tandemstillen

Vor kurzem bin ich das zweite Mal Mutter geworden. Dass ich auch dieses Kind stillen werde, war für mich nie eine Frage, denn schließlich habe ich meinen älteren Sohn bis zur Geburt des kleineren Bruders gestillt. Da mein älterer Sohn kurz vor der Geburt seines Bruders gerade erst 2 wurde und das Stillen noch sehr braucht, wollte ich ihm das nicht einfach wegnehmen. Ich habe mich deshalb bereits zu Beginn meiner zweiten Schwangerschaft damit auseinandergesetzt und mich für das Tandemstillen entschieden.

Während ich mich noch die ganze Schwangerschaft über darüber freute, demnächst beide Kinder zu stillen, kamen mit dem nahenden Geburtstermin die Sorgen. Je näher der Geburtstermin rückte, desto mehr machte ich mir Gedanken über das Thema. Ich wurde plötzlich unsicher und fragte mich, ob das überhaupt so funktionieren kann, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich fragte mich, wie denn mein Sohn reagieren würde, wenn da plötzlich ein kleiner Mitbewerber an der Brust ist und ob daraus nicht ein Konkurrenzdenken entstehen könnte. Meine größte Sorge war aber, ob das Baby überhaupt genug Milch bekommt, wenn der große Bruder mittrinkt. Und ob das Baby dann überhaupt die Milch bekommt, die es braucht oder ob sich die Milch nicht genug an den Bedarf des Neugeboren anpasst.

Unbegründete Sorgen

Wie sich nach der Geburt herausstellte, waren alle meine Sorgen unbegründet. Eines gleich vorweg: Die Muttermilch passt sich immer an das jüngste Kind an. Das Baby bekommt so in jedem Fall die Milch, die es braucht. Auch über die Milchmenge habe ich mir unnötig Gedanken gemacht. Denn die Nachfrage regelt das Angebot. Und wenn zwei nachfragen, wird entsprechend mehr produziert. Da das Baby im Zweifelsfall immer zuerst trinken darf, ist für es auch immer genügend Milch da.

Meinen Sohn habe ich bereits früh auf den Familienzuwachs vorbereitet. Ich habe ihn die ganze Schwangerschaft über gestillt. Da ab etwa der Hälfte der Schwangerschaft kaum mehr Milch kam, habe ich versucht meinen Sohn mit den Worten „wenn dein Bruder da ist, kommt wieder mehr Milch“ und „dein Bruder bringt dir Milch mit“ positiv auf das Thema einzustellen. Dieses Mantra habe ich jeden Tag wiederholt und es scheint ihm irgendwann im Gedächtnis hängen geblieben zu sein. Er hat seinen kleinen Bruder von Anfang an nie als Konkurrenz betrachtet, denn schließlich hat ihm der kleine Bruder die heiß ersehnte Milch mitgebracht.

Warum Tandemstillen?

Nun wird man ja heutzutage häufig schon komisch angeschaut, wenn man ein Kleinkind stillt. Dass man neben dem Kleinkind auch noch ein Baby stillen könnte, können sich die Meisten nicht vorstellen. Es ist aber nicht nur möglich, es hat auch viele Vorteile für die Mutter und die Kinder.

Da ich vor der Geburt nicht abgestillt hatte, war die Milch nie ganz weg. Für das Baby war das Trinken an der Brust in den ersten Minuten nach der Geburt vergleichsweise einfach. Außerdem hat mein älterer Sohn bereits kurz nach der Geburt fleißig „mitbestellt“ und so die Milchproduktion angekurbelt. Es war so auf jeden Fall genug Milch für das Neugeborene da, obwohl es nach der Geburt schlief, um sich von den Strapazen zu erholen. Auch der Milcheinschuss kam deshalb sehr viel früher als bei meinem ersten Kind.

Auch für mich war der Mehrabnehmer angenehm. Wenn das Baby einmal länger geschlafen hat und ich deshalb übervolle Brüste bekam, hat mich der dankbare Zweitabnehmer zuverlässig vor einem Milchstau bewahrt.

Meine Abwesenheit während der Geburt hat mir mein älterer Sohn übel genommen. Als er mich nach der Entbindung das erste Mal im Krankenhaus besuchte, war er zunächst sehr beleidigt mit mir. Ihn zu stillen war eine gute Möglichkeit, ihn über meine Abwesenheit hinwegzutrösten. Ich konnte ihm so die extra Portion Liebe und Nähe zu geben, die er durch meine Abwesenheit brauchte.

Gemeinsames Stillen bindet ein

Ich stille beide Kinder manchmal nacheinander, aber häufig auch zusammen. Das war am Anfang zwar gewöhnungsbedürftig und etwas unangenehm. Wenn man sich aber mal damit zurechtgefunden hat, ist es wunderschön, beide Kinder im Arm zu halten. Außerdem ist das Stillen das erste Gemeinsame, das die beiden Kinder zusammen tun. Das gemeinsame Stillen verbindet, denn keiner ist außen vor und muss zuschauen. Anfangs war der Große zwar etwas skeptisch seinem kleinen Bruder gegenüber. Das hat sich aber schnell gelegt und nun wird der Kleine häufig vom großen Bruder währenddessen gestreichelt oder bekommt von ihm die Hand gehalten.

Gemeinsames Einschlafstillen zu dritt gestaltet die Abendroutine deutlich angenehmer, als die Kinder nacheinander ins Bett zu bringen. So liegen beide zufrieden an mich gekuschelt anstatt dass einer brüllt, weil er auch dringend Zuwendung braucht.

Mein älteres Kind profitiert in vielerlei Hinsicht durch das Tandemstillen. Es ist nicht nur die Extraportion Kalorien und Abwehrstoffe, die ihm gut tun. Es ist vor allem das Gefühl, nicht plötzlich entthront sondern mit dabei zu sein. Er muss wegen seinem Bruder nicht verzichten und wird von mir nicht abgewiesen. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat sich auch bei den Sozialkompetenzen des Großen deutlich bemerkbar gemacht. Sobald das Baby weint, werde ich von ihm darauf aufmerksam gemacht, dass das Baby an die Brust muss. Neuerdings will er ihm sogar ab und zu selbst seine Brust anbieten. Er begegnet seinem kleinen Bruder mit einer Vorsicht und Sanftheit, die ich meinem Wirbelwind nie zugetraut hätte. Ich bin wirklich glücklich, mich fürs Tandemstillen entschieden zu haben und würde diese Entscheidung in Zukunft jederzeit wieder so treffen.

Esther

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