Pflege eines Familienangehörigen – Was ist zu tun?

Vor einigen Wochen habe ich erfahren, dass es meinem Vater gesundheitlich sehr schlecht geht. Schnell stand fest, dass er dringend in eine Pflegeeinrichtung umziehen muss, damit er die umfassende Pflege erhält, die er zur Verbesserung seines Gesundheitszustandes dringend benötigte. Bis dato lebte er allein ungefähr 800 km von mir und meiner Schwester entfernt. Von einem Tag auf den anderen wurde ich buchstäblich erschlagen von Anträgen, führte etliche Telefonate und schrieb gefühlt 1000 Emails! Im Folgenden möchte ich euch eine Übersicht erstellen, an welche Dinge ihr denken müsst, solltet ihr irgendwann in die Situation kommen, dass ein geliebter Angehöriger Pflege benötigt. Wenn man nämlich erst einmal einen Überblick hat, eine Art roten Faden, dann nimmt einem das eine riesige Last von den Schultern.

Vollmachten

Mein erster und wichtigster Tipp: Vollmachten erleichtern euch das Leben ungemein! Bereits im vergangenen Jahr haben mein Vater und ich gemeinsam eine Vorsorgevollmacht, eine Gesundheitsvollmacht und eine Patientenverfügung ausgefüllt. Die Verwaltung und Aufbewahrung von Vollmachten werden von kirchlichen Trägern angeboten, aber auch vom Humanistischen Verband. Meist kostet die Bearbeitung Geld. Je nach Anbieter kann der Beitrag aber an die jeweiligen finanziellen Verhältnisse des Betroffenen angepasst werden.

Eine Vorsorgevollmacht erlaubt einer oder mehreren Person/en finanzielle und rechtsgeschäftliche Angelegenheiten zu regeln. Im Klartext: Ihr dürft für die pflegebedürftige Person Anträge ausfüllen und unterschreiben. Ohne eine solche Vollmacht darf keine andere Person – auch keine Angehörigen – für die betroffene Person irgendwelche Dokumente, Anträge oder Formulare unterschreiben! Allerdings gilt dies häufig leider nicht für Bankangelegenheiten, da die Banken hauseigene Vollmachtsformulare verwenden. Alles sollte jedoch immer im Sinne des bzw. der Betroffenen geschehen!

Für medizinische oder gesundheitliche Angelegenheiten wird eine Gesundheitsvollmacht benötigt. Entgegen der gängigen Meinung, haben Familienangehörige nicht automatisch ein Mitspracherecht im Krankheitsfall! Mit einer Gesundheitsvollmacht kann eine vertraute Person im Sinne des Patienten über medizinische Maßnahmen entscheiden. Hat man diese nicht, kann es passieren, dass vom Gericht ein gesetzlicher Betreuer bestellt wird, der dann für den Patienten wichtige Entscheidungen trifft.

Darüber hinaus kann es sinnvoll sein mit der betroffenen Person im Vorfeld eine Patientenverfügung auszufüllen. Durch die kann der oder die Betroffene vorher mehr oder weniger genau festhalten, wie Ärzte im Notfall handeln sollen. Man kann festlegen, ob man bei Herzstillstand wiederbelebt werden möchte oder welche lebenserhaltenden Maßnahmen in welchem Umfang gewünscht sind. Das kann unter Umständen für die Angehörigen eine Erleichterung sein, da sie im Notfall nicht über das Abstellen der lebenserhaltenden Maßnahmen entscheiden müssen.

Kurzzeitpflege

Die Kurzzeitpflege bietet der betroffenen Person die Möglichkeit sich in einer Pflegeeinrichtung nach dem Krankenhausaufenthalt zu erholen. Vor allem, wenn die kurzzeitige, intensive Pflege in den eigenen vier Wänden nicht abgedeckt werden kann. Dadurch sollen auch die Angehörigen entlastet werden Die Pflegekassen zahlt die im Rahmen der Kurzzeitpflege anfallenden Pflegekosten in Höhe von 1.612,- € pro Jahr ab Pflegegrad 2. Leider zahlen die Pflegekassen nur den Pflegeanteil. Kosten für Unterkunft und Verpflegung – der Eigenanteil – muss der Patient selbst zahlen. Reicht das Einkommen nicht aus, kann man Hilfe beim Sozialamt beantragen oder man greift auf den Entlastungsbetrag der Pflegekasse zurück.

Entlastungsbetrag

Seit dem 01. Januar 2017 stehen jedem Pflegebedürftigen (also ab Pflegegrad 1) durch das neue Pflegestärkungsgesetz monatlich 125,-€ zu. Der Entlastungsbetrag ist eine Sachleistung, die nicht pauschal an den Pflegebedürftigen ausbezahlt wird. Man kann Kosten für Kurzzeitpflege, ambulanter Pflegedienst oder sonstige pflegerische Maßnahmen über den Entlastungsbetrag im Nachhinein abrechnen – man tritt also in Vorkasse. Wichtig ist, dass die Ausgaben das Budget nicht übersteigen und zweckgebunden sind. Zudem kann man den Betrag innerhalb des Kalenderjahres sammeln.

Pflegegrad

Ebenfalls seit dem 01. Januar 2017 wurden die alten Pflegestufen (0, 1, 2 und 3) abgelöst durch 5 Pflegegrade. Die Einstufung in den Pflegegrad dient zur Ermittlung der Pflegebedürftigkeit einer Person. Also wie viel Hilfe benötigt der Betroffene im Alltag oder bei der Pflege. Die Einstufung in einen Pflegegrad oder eine Höherstufung müssen bei der Pflegekasse schriftlich beantragt werden. Ein Mitarbeiter vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) kommt dann vorbei, um den Antragssteller persönlich zu begutachten. Daraufhin wird entschieden, ob die Person einen Pflegegrad erhält oder eventuell höhergestuft wird.

Der Pflegegrad entscheidet, wie hoch der Zuschuss der Pflegekasse für pflegerische Maßnahmen ist. Je höher der Bedarf an Hilfe und der Aufwand der Pflege für den Betroffenen ist, desto höher ist der Pflegegrad.

Umzug in ein Pflegeheim

Kann die Pflege in der eigenen Wohnung nicht abgedeckt werden, ist die Unterbringung in einem geeigneten Pflegeheim ggf. der nächste Schritt. Bleibt der oder die Betroffene zur Dauerpflege in der Einrichtung, sollte man an folgende Dinge denken:

Wo sind die wichtigsten Unterlagen? Personalausweis, Einkommensnachweise oder Rentenbescheid, Behindertenausweis, Kontoauszüge, Sparbücher, Wertpapiere, Versicherungsunterlagen, etc.? Auch bei der Dauerpflege zahlt die Pflegekasse nur den Anteil für die Pflegeleistungen. Den Rest zahlt der Pflegebedürftige selbst. Für einen Antrag auf Unterstützung vom Sozialamt benötigt ihr die genannten Unterlagen. Im übrigen hat auch ein Heimbewohner einen Anspruch auf Wohngeld, dass vorher schriftlich beantragt werden muss. Wohngeld ist eine der Sozialhilfe vorrangige Leistung!

Desweiteren:
  • Wohnungsmietvertrag kündigen (Kündigungsfrist? Was geschieht mit den Möbeln? Wer räumt die Wohnung aus? Wohin mit den Sachen?)
  • Nachsendeantrag bei der Post stellen (Das kann man online erledigen!)
  • Telefon/Internet/Kabelanschluss kündigen (Kündigungsfristen? Müssen Geräte, wie z.B. der Receiver zurückgeschickt werden?)
  • Hausbank über den Umzug informieren, ggf. Kontovollmacht einrichten.
  • Zeitungsabonnements (An die neue Adresse weiterleiten oder kündigen?)
  • Zählerstände notieren und nach dem Auszug dem Strom-/Gasanbieter mitteilen.
  • Gibt es offene Rechnungen?
  • Sonstige Abonnements?
  • Versicherungen, die nicht mehr benötigt werden, z.B. Auslandskrankenschutz?

Man muss an 1000 Dinge gleichzeitig denken und fühlt sich vor allem am Anfang einfach nur erschlagen. Ich hatte vor allem Angst. Angst, um meinen Vater, dem es gesundheitlich nicht gut ging. Angst, dass ich bei den Anträgen irgendwo irgendetwas vergessen haben könnte. Angst, dass ich zu langsam war und mein Vater nicht die Hilfe bekommt, die er so dringend benötigte. Trotz alle dem sollte man nicht vergessen, dass es vielen Menschen sehr unangenehm ist, plötzlich auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Es ist nicht einfach die Kontrolle über sein gesamtes Leben in die Hände von jemand anderen zu legen. Mein Vater war und ist mir sehr dankbar, dass ich all diese Dinge für ihn geregelt habe, weil er es nicht konnte. Aber ich konnte ihm ansehen, wie es ihn enttäuschte, dass er mir diese Arbeit übertragen musste. Ich habe meinen Vater über jeden meiner Schritte im Vorfeld informiert und ihn in Entscheidungen mit einbezogen. Denn letztendlich habe ich mich um sein Leben gekümmert. Er hat es mir anvertraut. Ich habe immer versucht in seinem Sinne zu handeln, habe ihm zugehört und bin respektvoll mit seinen Wünschen umgegangen. Das ist alles andere als leicht, denn während dieser Zeit ist mein eigenes Leben nahezu stehen geblieben und musste dennoch weitergehen.

Es ist nicht einfach, jemanden um Hilfe zu bitten. Und es ist nicht einfach, Hilfe von anderen anzunehmen. Aber es ist auch alles andere als einfach jemandem zu helfen ohne sich selbst dabei zu vergessen…

 

Anke

2 Comments

  1. helga said:

    Eine gute Übersicht von Möglichkeiten, danke! In unserem Fall wird die ambulante Pflegekraft gesucht. Der Opa braucht die wegen der akuten Demenz. Sinnvolle Anregungen zum Nachdenken, danke!

    22. Februar 2019
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  2. helga said:

    Gottseidank, dass die ambulante Pflege an Ort immer bereit steht! Die Hilfe ist immer doch zur rechten Zeit wichtig! Meine Eltern werden ja auch mit jedem Tag nicht jung und, je weiter, desto öfter mache ich mir Gedanken über die Pflegemöglichkeit.

    28. Februar 2019
    Reply

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