Mein Kind in der Autonomiephase

Ich sitze hier und versuche auch nur einen sinnvollen Satz zu Papier zu bringen, aber ich bin soooo unendlich müde…Die Tage sind anstrengend. Ich hangele zwischen Kita und Arbeit und Haushalt und Ehe und Familie. Und meine Tochter ist derzeit besonders anstrengend. Die Erklärung ist ganz einfach: Ich habe ein Kind, dass mitten in der Autonomiephase steckt.

Was ist die Autonomiephase?

Autonomie bedeutet Selbstbestimmung, seine eigenen Entscheidungen treffen zu können und unabhängig zu sein. In der sogenannten Autonomiephase entwickeln Kleinkinder im Alter von etwa 1 – 4 Jahren fortwährend ihre Kompetenzen im Bereich Eigenständigkeit und ihr eigener Wille kommt allmählich zu Tage. Und genau DAS ist anstrengend!

Ich wünsche mir natürlich, dass meine Tochter eines Tages eine selbstbewusste Person wird. Jemand, der fähig sein wird seine eigenen Entscheidungen zu treffen, Vor- oder Nachteile einer Handlung abwiegt und für eventuelle Konsequenzen die Verantwortung übernimmt. Ich habe ihr das Leben geschenkt und nun ist es an mir ihr zu zeigen, wie sie einmal zu einer solchen Person werden kann. Als Mutter – oder auch als Eltern – liegt es an uns, unsere Kinder auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Denn eines Tages werden unsere Kinder ausziehen und müssen dann allein zurecht kommen. Und ich möchte ihr nicht zeit ihres Lebens sämtliche Entscheidungen abnehmen. Es ist nämlich ihr Leben und nicht das Meine.

Der Weg zur Selbstständigkeit

Der Weg zu einer selbstständigen, willensstarken Person führt durch die Autonomiephase. Da müssen die Kinder durch, vor allem aber wir Eltern… Gerade eben war unser Kind noch ein winziges, hilfloses Baby. Wir mussten es Wickeln, Baden und Füttern. Auf einmal macht es plopp und dieses winzige Würmchen ist gefühlt einen Meter gewachsen, macht seine ersten Schritte und kann nun selbst seine Socken aus- oder den Pullover anziehen.

Es ist eine spannende, schöne Zeit. Nahezu jeden Tag kann mein Kind etwas Neues. Sie probiert immer und immer wieder und irgendwann perfektioniert sie eine Geste oder ein Wort oder eine Tätigkeit. Allerdings wird dieser Entwicklungsschritt häufig von Frustration und Wutausbrüchen begleitet. Denn die meisten Vorhaben gelingen nunmal nicht auf Anhieb.

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“

Eine neue Welt der Gefühle

Mit dem Übergang vom Baby zum Kleinkind eröffnet sich Kindern eine ganze Palette an Gefühlen. Waren es anfangs nur Hunger, Durst, Nähe und „Ich muss mal“, kommen nun allmählich auch Hochs und Tiefs hinzu. Es ist nicht mehr nur alles „tuttifrutti“. Wut, Angst und Trauer begleiten ebenso das junge Leben. Wut, weil Papa nach links abbiegt und nicht nach rechts. Angst, weil Mama den Raum verlässt. Trauer, weil ein geliebtes Spielzeug zerbrochen ist. Aber auch Neugier und Geduld entwickeln sich – wenn man es zulässt.

Wann immer meine Tochter eine Beschäftigung findet, die sie fasziniert und ihre gesamte Aufmerksamkeit fordert, gebe ich ihr – wenn möglich – die Ruhe und Zeit sich damit ausgiebig zu beschäftigen. So kommt es schonmal vor, dass wir länger als geplant im Supermarkt sind, weil mein Kind es liebt, Dinge von A nach B zu sortieren. Also räumt sie z.B. Nudeln fleißig von einem Karton in den nächsten. Diese Tätigkeit muss für mich keinen Sinn ergeben. Es reicht mir vollkommen, dass es das für sie tut. Und solange ihre Beschäftigung weder ihr noch anderen schadet, lasse ich sie tun, wonach ihr der Sinn steht.

Gefühlsausbrüche

Obwohl mein Kind vieles darf, bleiben Wutausbrüche und Tränen leider nicht aus. Ich versuche zwar zu verstehen, was sie gerade zu einem solchen Gefühlsausbruch bewegt hat, aber es ist leider nicht immer nachvoll ziehbar.

„Bei einem Kind in der Autonomiephase ist es egal, ob man den roten oder den blauen Draht durchtrennt – die Bombe geht dennoch hoch.“

Also nehme ich sie in den Arm und tröste sie. Ich versuche ihr zu Verstehen zu geben, dass ich für sie da bin. Ich nehme sie und ihre Gefühle an. Für mich ist das wichtig, dass ich sie dabei nicht übergehe oder ihre Gefühle ignoriere. Wenn ich traurig oder wütend bin, dann möchte ich auch nicht damit eine gelassen werden. Ich als Erwachsene wünsche ich mir, dass mich jemand in den Arm nimmt, wenn ich traurig bin. Dass mir jemand zuhört, wenn mich etwas aufregt und dass jemand meine Angst ernst nimmt. Warum sollte es einem Kind anders gehen. Nur weil Kinder kleine Menschen sind, sind sie deshalb nicht weniger Mensch.

Trotzphase

Ich muss gestehen, dass ich das Wort Trotzphase nicht besonders mag. Es ist meiner Meinung nach einfach kein passender Titel für diese Phase. Trotzen ist eine Gegenwehr, ein ablehndes Verhalten, ein Widerstand. Aber es ist ja nicht so, dass Kinder sich in dieser Zeit vehement gegen alles wehren, was man ihnen anbietet- auch wenn es manchmal so scheint. Sie entwickeln einfach einen eigenen Willen, eine eigene Meinung, einen ganz eigenen Geschmack. Als Erwachsene nehmen wir uns das Recht heraus einen eigenen Willen haben zu dürfen, aber Kindern spricht man diese Fähigkeit leider viel zu oft ab. Es geht mir nicht darum, dass das Kind Tag und Nacht tun und lassen kann, wonach ihm der Kopf steht. Es gibt für mich dabei persönliche Grenzen. Ich möchte nicht nachts auf dem Spielplatz stehen und ich möchte nicht, dass mein Kind Schokolade frühstückt.

Deshalb ist für uns das Zauberwort: Kompromiss. Es ist nicht immer einfach einen Kompromiss zu finden. Aber in den meisten Fällen klappt es ganz gut. Andernfalls bleibt mir immer noch das Trösten und Begleiten.

 

Wie begleitet ihr euer Kind durch die Autonomiephase? Welche Tricks oder Kniffe haben euch dabei gut geholfen?

Eure Anke

2 Comments

  1. Carina said:

    Toll geschrieben. Ich mag den Satz „ich habe ihr das Leben geschenkt“. Tolle Einstellung und du hast sehr recht – es geht um einen Kompromiss, um Verständnis und Liebe. Du machst das toll.
    Deine Texte sind auch schön zu lesen.

    11. Januar 2018
    Reply
    • Anke said:

      Liebe Carina, vielen Dank für deine herzlichen Worte. <3

      12. Januar 2018
      Reply

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