Kompetenzen – Kinder wachsen an ihren Möglichkeiten

Heute möchte ich mal über etwas schreiben, das eher uns Eltern betrifft als die Kinder direkt. Oder vielmehr, was wir als Eltern zulassen. Oder eben nicht. Dass Kinder nur dann wirklich etwas lernen, wenn sie es selbst tun können. Wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, selbst Kompetenzen zu entwickeln.

Was Hänschen nicht lernt…“ und „Was ich nicht weiß,…“

Die beiden Sprüche können sich in ihrem eigenen Bart bereits einwickeln, ich weiß. Trotzdem sind sie er in den letzten Jahren aktueller den je. Tausendundeins Dinge, die man kaufen kann und die angeblich das Leben und die Sicherheit unserer Kinder verbessern. Die meisten davon sind mehr als unnötig und tun vor allem eines: Irgendwem den Geldbeutel füllen. Denn Ängste sind ein prima Verkaufsargument.

Immer wieder höre ich Eltern darüber reden, dass es heutzutage ja nicht mehr sicher sei. Genaugenommen war es aber nie sicherer als heute. Noch nie konnten wir uns so frei bewegen, hatten im Notfall eine bessere medizinische Versorgung. Was sich im Vergleich zu früher geändert hat, ist die Wahrnehmung. Schlägt sich heute ein Kind das Kinn auf und muss genäht werden, nehmen daran häufig 100+ Facebookfreunde teil. Der Kreis an Leuten, von denen wir Privates mitbekommen, ist einfach durch Social Media viel größer und präsenter geworden. Dabei vergessen wir ganz gerne, dass früher ganz genauso viel passiert ist. Es wurde nur nicht so groß darüber berichtet. Vor allem, weil die Menschen vor 30 Jahren längst nicht so medial miteinander verbunden waren. Es hat ihnen einfach die Möglichkeit gefehlt, die Informationen zu teilen.

Ich will damit jetzt nicht sagen, dass Informationen schlecht sind. Es ist super, dass wir uns so mitteilen können. Nur war früher die genähte Platzwunde meist längst verheilt, bis man davon erzählt bekommen hat. Und war dann nicht mehr der Rede wert. Gefahren gibt es heute wie früher. Die sind genauso da, wie sie immer schon da waren. Das Leben hat sich im Wesentlichen nicht geändert. Die Menschen sind weder besser noch schlechter geworden. Nur besser informiert.

Da stehen wir nun mit den kleinen und großen Problemen und Gefahren, die das Leben mit sich bringt. Einige sind tatsächlich sehr ernstzunehmen. Wie beispielsweise das steigende Verkehrsaufkommen oder die Gefahr, im Internet an die falschen Leute zu geraten. Dann gibt es aber auch noch die vielen kleinen Probleme. Wie die zu hohen Stufen im Garten, der glatte, harte Fließenboden oder das Klettergerüst auf dem Spielplatz nebenan.

Wir alle lieben unsere Kinder und möchten, dass sie möglichst in Sicherheit sind. Wenn wir aber jedes Problem für unsere Kinder schon im Vorfeld lösen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, die Welt selbst zu entdecken. Der Weg in die Selbstständigkeit führt nun mal zwangsläufig durch eigene Erfahrungen. Wenn wir nicht zulassen, dass sie Kompetenzen entwickeln, befriedigt das vielleicht kurzfristig unser Bedürfnis nach Sicherheit. Langfristig ist es aber unfair unserem Kind gegenüber. “Denn wer können soll, soll auch wollen dürfen!” (Zitat)

Übertriebene Sicherheit ist der Tod des Abenteuers

Bitte liebe Eltern versteht mich nicht falsch! Dass sich mein Kind verletzt, ist das Letzte, das ich möchte. Auch ich kriege Schnappatmung, wenn mein kleiner Sohn auf eine steile Treppe zuwackelt und dabei höchst unkonzentriert ist. Oder dabei den viel zu großen Sonnenhut der Tante auf dem Kopf hat. Oft sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge bereits die Stufen hinunterstürzen und unten mit einer Platzwunde oder einem fehlenden Zahn liegenbleibend. Trotzdem nehme ich immer wieder alle Selbstbeherrschung zusammen und versuche, meine Ängste bei mir zu behalten.

Würde ich jedes Mal sofort hinrennen, wenn etwas passieren könnte, würde ich es nicht nur unnötig provozieren. Denn ich würde mein Kind nur mit meiner Angst verunsichern. Viel gravierender wäre es für mein Kind, dass ich mit jedem bisschen mehr an Sicherheit gleichzeitig das Abenteuer „Kindheit“ beschneide. Denn an einem verhinderten Risiko oder Problem kann mein Kind nicht wachsen. Wenn ich ihn jedes Mal die drei Stufen hinunter hebe, wird er sehr lange brauchen, um dieses Hindernis selbst überwinden zu können.

Die vier Fragezeichen

Bei aller Freiheitsliebe achte ich natürlich auch darauf, was mein Kind gerade tut. Selbstverständlich haben Kleinkinder nichts an steilen, ungesicherten Treppen zu suchen. Spitze Messer gehören nicht in Kinderhände und der Gehweg ist kein Spielplatz. Aber wenn es sich um Dinge handelt, die im schlimmsten Fall kleine Blessuren wie eine Beule oder ein aufgeschürftes Knie verursachen, dann darf mein Kind auch selbst probieren. Ich stelle mir dabei vorher immer folgende vier Fragen:

  1. Kriegt er davon Platzwunden, schlimme Prellungen oder Knochenbrüche?
  2. Kriegt er Verbrennungen?
  3. Vergiftet er sich daran?
  4. Schadet er damit einer anderen Person/Lebewesen?

Kann ich in meinem Kopf die Häkchen vier mal bei nein setzen, lasse ich ihn mal probieren. Daraus ist natürlich auch schon mal die ein oder andere Beule entstanden. Wenn er sich mit der Höhe der Couch verschätzt hat. Der Hut zu viel zu groß war und den Pfosten verdeckt hat. Oder weil die Kisten doch nicht so klettertauglich waren. Es schmerzt mich jedes Mal mindestens genauso sehr wie ihn, wenn er sich weh tut. Aber in der Regel probiert er es meist auch gleich ein zweites Mal mit mehr Sorgfalt. Auf diese Weise baut er Schritt für Schritt selbstständig seine Kompetenzen immer weiter aus. Und irgendwann benötigt er dann nicht mehr meinen Beistand oder meine ständige Aufsicht.

Kinder sind kompetent – wenn man sie lässt

Mittlerweile ist mein jüngster Sohn fast 1,5 Jahre alt und bewältigt auch Leitern bis Brusthöhe problemlos. Selbstverständlich stehe ich bei so Sachen daneben und passe auf wie ein Luchs. Die Angst ist zwar immer im Handgepäck, aber ich lasse ihn probieren. Auch das Essen mit Besteck klappt für sein Alter schon erstaunlich gut. Ich muss zwar oft Kind und Umgebung hinter schrubben. Und das ein oder andere Mal hat er schon festgestellt, dass man sich mit der (Kinder)Gabel auch weh tun kann. Aber es klappt eben von Mal zu Mal besser. Er erarbeitet sich diese Kompetenzen (begleitet) selbstständig und in seinem eigenen Tempo.

Von der Verwandt- und Bekanntschaft hören wir oft ein erstauntes „Oh, der kann ja schon…“. Ich muss mir dann oft den polemischen Spruch „die könnten alle viel, wenn man sie lassen würde“ verkneifen. Denn ich will ja niemandem auf die Füße treten. Alle Eltern wollen ja nur das Beste für ihre Kinder. Aber wie oben schon mal erwähnt: Wer das Risiko beseitigt, verhindert, dass das Kind sich daran ausprobiert und etwas lernt.

Nur selber machen macht schlau

Kompetenzen müssen erlernt und entwickelt werden. Kleine Kinder können in ihrem Kopf noch keinen Perspektivwechsel vollziehen. Dazu ist das Gehirn in dem Alter noch gar nicht in der Lage. Sie verstehen nicht, dass sie gerade jemand weh getan haben und umgekehrt tun sie sich schwer, unsere Erfahrungen zu übernehmen. Sie müssen einfach eigene Erfahrungen machen. Die Entwicklung von Kompetenzen funktioniert bei Kindern am besten im freien Spiel. Sie lernen am meisten dann, wenn sie ganz Kind sein dürfen und die Welt durch ihre Augen und mit ihren Sinnen erkunden können. Beulen inklusive.

Wie seht ihr das Thema? Lasst ihr eure Kinder probieren und wo sind eure Grenzen?

 

Herzlichst, Esther

Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. Petra Tisch said:

    Na klar! Mein Sohn soll soviel wie möglich machen. Du hast zwei Kinder dass macht es schwieriger mit dabei zu sein. Ich hab meinen Sohn von Anfang an bei seinen Unternehmungen unterstützt. Wenn er z.B. als Baby die steile Treppe runterkrappeln wollte, war ich direkt daneben um ihn Notfalls aufzufangen.
    Mit der Zeit wurde er so immer sicherer.
    Die Kleinen müssen das ja schließlich lernen. Je eher desto besser.
    Ich finde diese Art auch sicherer, als einem Kind einfach gefährliche Dinge zu verbieten, denn: Irgendwann passiert es und du passt für einen Moment nicht auf, und dein Kind macht sich alleine die Treppe hoch, dann kann es das wenigstens und wird nicht gleich runter purzeln.

    29. Juli 2019
    Reply

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