Geburtseinleitung – So schnell kann es gehen

Film und Fernsehen geben uns eine meist unrealistische Vorstellung davon, wie eine Geburt anfängt. Man steht an der Supermarktkasse, die Fruchblase platzt, gefühlt 5 Liter Fruchtwasser strömen aus einem heraus und man fährt wild hechelnd ins Krankenhaus. Dort bringt man unser lauten Gebrüll oder gar Gekreische sein Kind zur Welt. Dass das aber so in Wirklichkeit eher selten abläuft, wird einem erst bewusst, wenn man sich mit anderen Müttern über ihre Geburtserfahrungen austauscht. Zum einen platzt nicht bei jeder Frau die Fruchtblase so wie im Film und zum anderen ist Hecheln einfach die ungeschickteste Taktik, um Wehen zu veratmen. Und dann gbit es auch noch Mütter wie mich, bei denen die Geburt von allein gar nicht erst losgeht. Bei meinen beiden Kindern war ich nämlich zur Geburtseinleitung im Krankenhaus.
 

Gegen Ende meiner zweiten Schwangerschaft war ich bei 38+0 zur Kontrolle im Krankenhaus. Wegen dem Schwangerschadtsdiabetes wollten die Ärzte die Größe meines ungeborenen Kindes, sowie Fruchtwassermenge und Plazenta genau im Auge behalten. Dabei wurde mein Sohn wurde auf gut 4 Kg geschätzt und seine Herzfrequenz war erhöht. Sie war selten unter 150, meist bis 180. Nicht dramatisch, aber es wies auf Stress für den kleinen Mann hin. Mir wurde seitens der Ärzte nahegelegt, die Geburt etwas früher einzuleiten. Ab 4 Kg Baby scheinen die Ärzte wohl etwas nervös zu werden, da schwere Kinder eine Geburt nicht erleichtern würden. Zumindest erzählten mir das auch andere Mütter, deren Kinder im Vorfeld auf gut 4 Kg geschätzt wurden. Also machte ich einen Termin für den darauffolgenden Donnerstag bei 38+2. Wir hatten um 9:00 Uhr dann den Termin zur Geburtseinleitung in der Uniklinik Mannheim. Am Morgen haben mein Mann und ich unsere große Tochter in den Kindergarten gebracht. Am Nachmittag sollte sie von meiner Mama abgeholt werden. Sie würde sie dann mit zu sich nach Hause mitnehmen. Wir haben unserer Tochter nicht erzählt, dass wir ins Krankenhaus gehen, um ihren Bruder zu bekommen. Sie hätte unbedingt dabei sein wollen und wir wollten ihr nicht wehtun. Also dachte sie, sie würde einfach nur so bei ihrer Omi übernachten. Je nach Wetterlage und je nach dem wie lange die Geburt dauern würde, wären beide am nächsten Tag noch in den Zoo gegangen.

Jedenfalls bekam ich vormittags die erste Tablette Misoprostol, gefolgt von etwa 1 Stunde CTG. Mein Mann und ich zogen danach in unser Zimmer im Patientenhaus. Wehentechnisch passierte da noch nichts – genau wie bei meiner Tochter etwa 3 Jahre zuvor. Sie wurde auch eingeleitet, weil ich am Ende kein Fruchtwasser mehr hatte und sie wortwörtlich auf dem Trockenen lag. Mittags gab es die zweite Tablette. Während des CTGs wurde mir eine Infusion angehängt und ich sollte abwechselnd an Zitronen- oder Lavendelöl riechen, um die Herzfrequenz zu beeinflussen. Die Krankenschwestern haben alles probiert, um die Herzfrequenz wieder in die Norm zu bringen. Nichts zu machen, dafür begannen die ersten kleinen Wehen. Wir gingen zurück auf’s Zimmer und schliefen ein wenig. Gegen 17:30 Uhr gab es dann die 3. und für den Tag letzte Tablette Misoprostol. Ich dachte nur so…och nööö…keine weitere Tabelette? Der Tag ging ja noch ein paar Stunden. Aber mehr als 3 Tabletten pro Tag werden nicht verabreicht.

Die Wehen nahmen ganz leicht zu während des CTGs. Der Muttermund war nur 1 cm offen, Gebärmutterhals stand noch etwas. Etwa 2 Stunden hing ich am CTG, bekam eine Infusion und durfte wieder an ätherischen Ölen schnüffeln. Allmählich verlor ich die Zuversicht auf eine schnelle Geburt. Es tat sich einfach nichts. Ich kannte die Geschichten anderer Frauen, bei denen nach Tagen erfolgloser Geburtseinleitung schlussendlich zum Kaiserschitt kam. Ich war irgendwie enttäuscht. Wir waren seit dem Morgen im Krankenhaus und ich wollte schon nicht mehr das sein. Am nächsten Tag würde es erst weitere Tabletten geben und ich müsste dann wieder ewig am CTG hängen. Ich vermisste meine Tochter und machte mir Sorgen, wie lange meine Mama sie wohl betreuen könnte. Mir war bewusst, dass man eine spontane Geburt nicht punktgenau planen kann. Aber unbegrenzt Zeit hatten wir nunmal leider auch nicht. Irgendwann sagte ich zu meinem Mann: “Ich glaube, das wird ein Kaiserschnitt.” *schwupps* Just in diesem Moment platzte ohne Vorwarnung meine Fruchtblase. Es war um 19:25 Uhr und das Fruchtwasser strömte nur so aus mir heraus. Ich war in dem Moment total überrumpelt und fing direkt an zu weinen. Mein Mann hat erst gar nicht verstanden wieso, bis ich ihm sagte, dass die Fruchtblase geplatzt sei. Ich kannte dieses Gefühl nicht, denn meine Tochter lag ja damals auf dem Trockenen. Die Krankenschwester kam und kabelte mich vom CTG ab. Ich musste ein OP-Hemd anziehen, weil meine Kleidung komplett durchtränkt war. Wir durften zurück auf unser Zimmer und sollten nach 2 Stunden zur Kontrolle wiederkommen. Oder früher, falls die Wehen stärker werden würden.

“Sie schaffen das. Sie sind eine starke Frau.”

Die Wehen nahmen bis dahin immer mehr zu und kamen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen. Ich habe die zeitlichen Abstände nicht gestoppt, aber viel Zeit lag nicht zwischen den Wehen. Etwa um 21:30 Uhr liefen wir beide zurück zum Kreißsaal. Der Weg dorthin zog sich, weil ich alle paar Meter stehen bleiben und die Wehen veratmen musste. Ich durfte direkt auf ein Kreißsaalbett. Die Krankenschwester untersuchte mich erneut. Muttermund war bei etwa 3 cm und der Gebärmutterhals stand noch ein ganz kleines bisschen (glaube ich mich zu erinnern). Da die Schwester sagte ab 3 cm könne man den Anästhesisten für eine PDA rufen, verlangte ich umgehend danach. Die Wehen wurden schnell sehr unangenehm und haben mich alle Kraft gekosten sie zu veratmen. Um kurz nach 22:00 Uhr war Schichtwechsel bei den Krankenschwestern. Die Schwester sprach nochmal ein paar beruhigende, aufmunternde Worte zu mir bevor sie ging. “Sie schaffen das. Sie sind eine starke Frau.”. Ich fand ihre Worte sehr schön, jedoch fühlte ich mich in dem Moment alles andere als stark. Und die Geburt schien noch in weiter Ferne…

Für die PDA sollte ich den Raum wechseln. Auf dem Weg ging ich nochmal zur Toilette. Ich merkte, dass der Druck nach unten plötzlich zunahm. Zu dem Zeitpunkt dachte ich aber, es käme von der Sitzposition auf der Toilette. Ich schleppte mich in den anderen Raum und hievte mich auf’s Bett. Die Wehen waren kaum auszuhalten und ich bettelte nach der PDA oder einem Schmerzmittel. Ich dachte, ich komme um und in meinem Kopf wuchs der Wunsch nach einem Kaiserschnitt. Irgendwann wurde der Druck nach unten sehr stark und ich teilte es der Hebammenschülerin mit, die uns inzwischen begleitete. Sie sprach immer wieder ganz ruhig mit mir und half mir die Wehen zu veratmen. Sie fragte mich, seit wann denn der Druck zunehmen würde. Ich sagte, dass es schon seit ein paar Wehen so ist, aber allmählich richtig arg wurde. Umgehend checkte sie die Lage und tastete nach dem Muttermund. Komplett offen, Gebärmutterhals verstrichen, Kind kommt! Die rannte raus und holte die Schwester und die Ärztin. Und dann ging es auch schon direkt los! Der Anästhesist wurde abbestellt, denn bis der da wäre, wäre unser Sohn schon auf der Welt. Die Schwester legte mein Bein gegen ihre Schulter, ich lag schräg auf meiner linken Seite. Mein Mann kam zu mir auf Kopfhöhe und hielt meine Hand während des Pressens. Er half mir dabei, mich nach vorn rund machen zu können, damit ich den kleinen Mann während der Wehe besser herausschieben konnte. Ein paar Mal habe ich zu kurz gepresst. Der Winkel stimmte auch einfach nicht so ganz für mich. Bei meiner Tochter hing damals ein Tuch von der Decke. An dem konnte ich mich selbst hoch- bzw. vorziehen. Das fehlte leider in diesem Kreißsaal. Aber nach ein paar Wehen war unser Sohn bereits 23:11 Uhr auf der Welt!!

Mein Mann hat die ganze Zeit während der Geburtseinleitung gesagt, dass unser Sohn noch am selben Tag zur Welt kommen würde. Ich war davon nicht überzeugt. Ich hätte Stein und Bein geschworen, dass er frühestens am nächsten Tag zur Welt kommen würde! Aber nur etwa eine Stunde nach dem ich die PDA verlangte, war er auch schon geboren! ♡♡♡

Wir waren nach der Geburt noch etwa 3 Stunden im Kreißsaal. Zum einen wurde ich an einer kleinen Stelle genäht. Zum anderen wurde in dieser Zeit bei unserem Sohn 2x der Blutzucker  kontrolliert. Wir wurden zwischendurch allein und in Ruhe gelassen und ich konnte ihn das erste Mal zum Stillen anlegen. Zusätzlich bekam er etwas pre-Milch, damit der Blutzucker anstiegt. Als wir dann auf unserem Zimmer ankamen, haben wir erstmal alle ein bisschen geschlafen, obwohl das im Oxytocinrausch ja kaum möglich ist.

Mittags kam dann meine Mama mit unserer großen Tochter ins Krankenhaus. Sie wusste noch nicht, dass ihr kleiner Bruder bereits auf der Welt war. Sie betrat das Zimmer und kam zögerlich auf mich und ihren kleinen Bruder zu. Mir schossen sie Tränen in die Augen. Meine Tochter kletterte zu mir auf’s Bett und streichelte ganz vorsichtig den Kopf ihres Bruders. Sie wirkte unsicher, aber fröhlich. Doch irgendwann überkam es sie und auch sie musste weinen. Es war ein bisschen zu viel für sie. Gestern früh war der Bruder noch in meinem Bauch und nun konnte sie ihn berühren. Das ist ja schon für einen erwachsenen Menschen schwer vorstellbar. Wieso sollte es einer knapp 3-Jährigen dabei anders gehen…?

Alles in allem ist unser kleiner Sohn so ziemlich das entspannteste Baby der Welt. Stillen, schlafen, kacken. Ich schwebe seit dem jeden Tag hoch oben auf meiner rosa Oxytocinwolke und kann es kaum glauben, dass ich nun zwei perfekte, kleine Wesen durchs Leben begleiten darf! ♡♡♡

 
In Liebe,
Eure Anke

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