Gastbeitrag: Geburtstrauma und Emotionelle Erste Hilfe

Ich möchte heute mal meine Erfahrungen mit euch teilen. Vielleicht gibt es ja die ein oder andere Mama, der es ähnlich geht und die – wie ich anfangs – nichts über Emotionelle Erste Hilfe (kurz EEH) weiß. Dazu muss ich aber ein bisschen ausholen, es wird also ein längerer Text.

Als ich schwanger wurde, haben mein Mann und ich uns wahnsinnig gefreut. Wir waren allerdings erst ein halbes Jahr zusammen, was bei vielen unserer Freunde und Verwandten zu Unverständnis führte. Dementsprechend hatte ich immer das Gefühl, dass sich keiner richtig mit uns freute – meine Mutter war geradezu entsetzt, als wir es ihr sagten. Lirum, larum, möchte nicht alles nochmal neu aufrollen, aber die Schwangerschaft war alles andere als schön und sorgenfrei. Es gab viel Streit, auch bezüglich unserer Hochzeit. Auf der Arbeit hatte ich viele Probleme dadurch, musste Mitte Februar nachts in die Notaufnahme wegen starken, unerklärlichen Unterleibsschmerzen (7. Monat), danach ging ich ins Beschäftigungsverbot. Mein Mann und meine Mutter gerieten ständig aneinander, meine Schwiegermutter mischte sich ebenfalls in unsere Beziehungsstreits ein und sagte mir, meine Mutter sei asozial. Das und viele andere Dinge führten dazu, dass ich die Schwangerschaft kaum genießen konnte, geschweige denn sorgenfrei sein konnte.

Kasierschnitt. Kaiserschnitt. Kaiserschnitt.

Eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin wurde mir gesagt, ich solle am nächsten Tag zur Einleitung kommen. Ich wurde total panisch. Ich wollte das so nicht und zum Glück ging es am Morgen dann von alleine los, die Wehen setzten ein und wir fuhren ins Krankenhaus. Dort lag ich dann insgesamt 38 Stunden in den Wehen. Es ging kaum vorwärts, der Muttermund war die ganze Zeit nur bei 2 cm. Mein Mann ging irgendwann in die Kapelle, um zu beten und kam total motiviert zurück, hielt meine Hand und machte mit mir gemeinsam die Atemübungen aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Innerhalb von einer halben Stunde platzte die Fruchtblase und der Muttermund war plötzlich bei 5 cm! Die Hebamme war total begeistert und sagte, so was hätte sie noch nie erlebt! Wir waren so optimistisch, dass es jetzt endlich richtig los geht.

Dann gab es einen Schichtwechsel bei den Hebammen. Die neue Hebamme rammte mir ein Thermometer ins Ohr, warf mich auf dem Bett hin und her und zog mir ziemlich grob Thrombosestrümpfe an. Ich fragte, was das soll, da meinte sie, sie bereitet mich schon mal für den Kaiserschnitt vor. Ich war total geschockt, wieso Kaiserschnitt? Es lief doch gerade alles so gut an und das Kind lag schon seit Wochen mit dem Kopf nach unten im Becken! Schlagartig hörte auch die PDA auf zu wirken, ich wimmerte und flehte, dass sie mir eine neue Spritze setzen sollten, bekam aber nur zu Antwort, dass das nicht geht, weil wir ja eventuell gleich einen Kaiserschnitt machen. In meinem Kopf drehte sich alles. Die Hebamme sagte, dass wir jetzt noch 10 – 20 Minuten warten und dann machen wir den Kaiserschnitt. Kaiserschnitt, Kaiserschnitt, Kaiserschnitt. Ich hatte das Gefühl, dass es ja eh darauf hinauslaufen würde, dass sie mich jetzt nur noch quälen wollte, irgendwann war ich nur noch am Weinen und zittern und schrie sie an, dass sie dann halt jetzt den Kaiserschnitt machen soll, sie soll das Kind jetzt halt rausholen, damit es vorbei ist!

Mein Mann neben mir war völlig aufgelöst, dann ging alles ganz schnell, ich wurde runter in den OP gefahren, mein Mann saß plötzlich neben mir, hielt meine Hand während sie unseren Sohn aus mir herausholten, ihn kurz abtrockneten und mir auf die Brust legten. Ich konnte ihn nicht halten, meine Arme waren seitlich fixiert, ich zitterte immer noch völlig unkontrolliert am ganzen Körper. Das ging noch etwa 2 Stunden so, auch als wir schon lange wieder aus dem Kreißsaal raus waren und meine Schwiegereltern vorbeikamen, um nach uns zu sehen. Ich sah meinen Sohn zum ersten Mal in die Augen und fühlte gar nichts…Lange Zeit redete ich mir ein, dass ich glücklich gewesen bin, erleichtert, was auch immer, aber eigentlich stand ich nur komplett unter Schock und war wie gelähmt…

Ein schwieriger Start ins Leben

Das war an einem Montag Abend und mein Mann blieb die erste Nacht mit mir im Krankenhaus. Mittwochs hätte er wieder arbeiten müssen, hatte aber – wie ich – fast drei Tage lang nicht gegessen, nicht geschlafen und rief auf der Arbeit an, um sich noch einen Tag krank zu melden. Sein Chef machte ihn komplett runter, er solle mal ein Mann sein und sich nicht so anstellen… Mein Mann hatte einen Nervenzusammenbruch, daraufhin sagte sein Chef, dass er ihm jetzt eine Kündigung schreibt und mein Mann erst mal sein Leben auf die Reihe bekommen soll, dann würde er ihn wieder einstellen.

Als er ins Krankenhaus kam und mir heulend davon erzählte, schluckte ich alles runter, nahm ihn in den Arm und sagte ihm, dass wir das schon irgendwie hin bekommen. Bei einem Telefonat mit meiner Mutter an dem Abend musste ich mir nur anhören, dass der Chef ihn bestimmt nicht mehr einstellen wird.

“Ich stand zu dem Zeitpunkt total neben mir, schlitterte in eine Depression…”

Ich stand zu dem Zeitpunkt total neben mir, schlitterte in eine Depression, konnte sie aber nicht mal richtig “ausleben”, sondern schluckte alles runter, um erst mal für meinen Mann da zu sein. Er wollte eine Therapie machen, war ab dem Tag der Geburt unseres Sohnes krankgeschrieben und kümmerte sich aktiv darum, Hilfe zu bekommen. Ständig war er bei Ärzten, Beratern, usw. und wurde dann Ende November endlich stationär in einer Einrichtung aufgenommen.

Erst dann hatte ich die Kraft, mich mal um mich selbst zu kümmern. Ich habe zuerst einmal heulend beim Verein “Licht und Schatten” angerufen, lange mit einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin dort telefoniert. Dabei wurde mir sehr vieles klar, dass ich Gewalt unter der Geburt erfahren habe und wirklich Hilfe brauche, dass ich damit nicht alleine da stehe, dass es vielen so geht, dass ich nicht verrückt bin. Egal, wem ich bis dahin erzählt habe, dass die Geburt traumatisch war, jeder sagte nur, ich solle doch froh sein, dass mein Sohn gesund ist und fertig.

“…jeder sagte nur, ich solle doch froh sein, dass mein Sohn gesund ist…”

Danach habe ich mich an die frühen Hilfen gewandt, die Mitarbeiterin vom Landratsamt war sehr nett und gab mir die Kontaktdaten einer Hebamme, die spezialisiert ist auf Emotionelle Erste Hilfe. Außerdem sprachen wir viel über Bindung, weil ich Angst hatte, dass mein Sohn da ein Defizit haben könnte. Sie kam zu mir nach Hause und filmte mich im Umgang mit ihm. Das Video würden wir in der nächsten Woche gemeinsam anschauen und auswerten.

Emotionelle Erste Hilfe

Ich nahm dann Kontakt zu der Hebamme auf, von der sie mir erzählt hatte. Da mein Sohn schon fast ein halbes Jahr alt war, konnten wir das nicht über die Krankenkasse laufen lassen, aber sie organisierte das irgendwie über Spenden, da ich mir die Kosten nicht hätte leisten können. Inzwischen war mein Mann zurück und wieder auf Arbeitssuche, dadurch war er bei allen Terminen mit der Hebamme dabei. Beim ersten Gespräch mit ihr, erzählten wir von der Schwangerschaft, von den ganzen Problemen, von der Geburt, von den Problemen meines Mannes und wir besprachen das Organisatorische.

Beim zweiten Termin trafen wir uns bei ihr in der Praxis, wo ich es mir auf Kissen und Decken bequem machte. Sie legte mir eine schwere Puppe auf den Bauch, ich schloss die Augen und ging mit ihr nochmal alle Gefühle durch, die ich während der Schwangerschaft hatte bzw. hätte haben sollen. Positive Gefühle, wie mein Kind in meinem Bauch wächst, geborgen ist, wie glücklich ich bin. Ich musste viel weinen, aber es tat auch sehr gut. Am Ende spielten wir geistig eine spontane Geburt durch, dann legte sie mir meinen Sohn auf den Arm und wir taten so, als wäre er gerade erst geboren worden. Es war ein bisschen lustig, aber wirklich auch sehr befreiend für mich, die negativen Erfahrungen einfach durch schöne, neue Erfahrungen zu ersetzen. Mein Mann hielt die ganze Zeit über meine Hand und saß anschließend neben mir. Ich merkte, dass ich mich viel zu sehr vom Wesentlichen habe ablenken lassen in der Schwangerschaft.

Wir machten einen dritten Termin aus, an dem wir ein Bonding Bad machen wollten. Weder wir noch die Hebamme wussten vorher so richtig, was passieren würde. Wir füllten einen Wäschekorb mit warmen Wasser und stellten ihn ins Schlafzimmer. Dann badete sie meinen Sohn darin, drückte ihn von allen Seiten ein bisschen zusammen, um das Gefühl im Mutterleib zu imitieren. Er war total aufgeregt und schrie auch, was er sonst nie machte beim Baden. Ich legte mich oberkörperfrei auf das Bett und sie legte mir meinen nackten, nassen Sohn auf die Brust, so als sei er gerade geboren worden. Er war sehr aufgeregt und unruhig, streckte sich immer wieder durch, stieß sich mit den Füßen ab und bewegte seinen Kopf auf und ab während er sich durch meine Armbeuge drückte. Ich sollte den Arm anwinkeln und sie stützte seine Füße, damit er besser voran kam. Am Ende drehte er sich und sie zog ihn von oben durch meine Armbeuge. Es war so bewegend, sie sagte, das hätte sie am liebsten gefilmt, er hat quasi einfach alle Bewegungen genau so gemacht, als wäre er gerade spontan geboren worden! Sie erklärte uns, dass diese ganzen Bewegungsabläufe in einem Kind eingespeichert sind und durch den Kaiserschnitt damals alles abgebrochen wurde, er es nie ausleben konnte. Er war danach total ausgeglichen und wollte sofort gestillt werden. Sie ließ uns dann allein, damit wir zu dritt noch im Bett kuscheln konnten.

“Wenn ich meinen Sohn jetzt ansehe, bin ich einfach nur glücklich…”

In der darauffolgenden Woche hatten wir einen abschließenden Termin mit ihr, bei dem wir nochmal über alles geredet haben. Mir war es wichtig, meine Geschichte einmal aufzuschreiben, weil es in mir so einen riesigen Knoten gelöst hat. Wenn ich meinen Sohn jetzt ansehe, bin ich einfach nur glücklich, so wie es sein soll. Vorher war ich immer traurig und fühlte mich als Versagerin.

Wenn es hier Frauen gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ihr seid nicht allein! Vielen Frauen geht es nach dem Kaiserschnitt so, dass sie Schwierigkeiten haben, eine unbelastete Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen! Aber es gibt Hilfe – Erste emotionelle Hilfe. Nehmt sie in Anspruch, fordert sie ein, seid ehrlich zu euch selbst und redet über eure Sorgen und Gedanken.

 

Danke für’s Lesen!

Sonia M.

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