Alleine Schlafen – Meinungen sind keine Fakten

Kürzlich war ich mit meinem Jüngsten bei der U6. Vor der Untersuchung habe ich im Wartezimmer brav den Fragebogen ausgefüllt, den ich an der Rezeption erhalten hatte. Ich denke alle Eltern, die je so eine U-Untersuchung ihres Kindes begleitet haben, kennen diese Fragebögen. Es werden verschiedene Fragen zum Entwicklungsstand des Kindes gestellt, man muss nur noch für den betreffenden Punkt ja oder nein ankreuzen. Wobei die „gute“ Antwortoption links steht, die weniger gute rechts. Sind also alle Punkte links angekreuzt, ist alles im grünen Bereich. So sieht man das wohl auf einen Blick, ob alles ok ist. Abweichungen fallen durch Kreuze rechts auch gleich auf. Soweit kann ich das System schon nachvollziehen. Nicht nachvollziehen kann ich aber die Fragen zum Thema Schlaf, die dort standen.

Es wurde gefragt, ob denn das Kind schon alleine einschlafen würde. Obwohl ich diese Frage prinzipiell bei einem einjährigen Kind nachvollziehen kann, ist sie mir sauer aufgestoßen. Denn sie wurde mir bereits bei der U5 gestellt – und da sind die Kinder ja gerade einmal ein halbes Jahr alt.

Wie in aller Welt kommt man denn dazu, von einem 6 Monate jungem Baby zu erwarten, dass es alleine in den Schlaf finden kann?! Noch stutziger hat mich aber die darauf folgende Frage gemacht: nämlich ob das Kind denn im eigenen Bett bzw. im Beistellbett neben den Eltern schlafe. Das „ja“ stand links, also auf der „guten“ und gewollten Seite der Antworten. Das „nein“ dagegen rechts. Ehrlich wie ich bin, habe ich damals natürlich rechts mein Kreuzchen gesetzt. Wir haben ein Familienbett, unsere Kinder dürfen selbstverständlich da schlafen, wo sie möchten. Und das ist nun mal nicht auf einer eigenen Matratze.

Ich weiß, solche Diskussionen sind müßig. Und meist auch leider total sinnlos. Denn die alten Muster und Weisheiten sitzen so tief und fest in den Köpfen, dass sie da festgerostet scheinen. Nicht, dass das was mit Fakten zu tun hätte. Es handelt sich dabei um feste, persönliche Überzeugungen und Meinungen. Dagegen schützt scheinbar auch kein Medizinstudium und auch keine neueren medizinischen Erkenntnisse. Trotzdem – ich finde es falsch einfach das Gewollte anzukreuzen, um Ruhe zu haben. Und beschämt auf den Boden zu schauen und wider besseres Wissen belehren zu lassen ist noch viel weniger mein Ding. Denn mit Lächeln und Winken wird sich niemals was zum Besseren verändern für unsere Kinder. Wenn wir uns immer nur ausschweigen, wird sich der im Recht fühlen, der am lautesten seine Meinung von sich gibt. Und Meinungen gehören vor allem eins: zu sich selbst und nicht in eine medizinische Beratung, die auf Fakten basieren sollte.

Da ich ja auch schon mit meinem Großen zu den U´s in dieser Praxis war, wusste ich ja ungefähr, was mich erwartet. Innerlich gewappnet bin ich also in die Untersuchung und wurde auch prompt „nicht enttäuscht“. Wie erwartet wurde das Thema Einschlafen angesprochen. Der Arzt wollte mir allen Ernstes erzählen, dass es wichtig sei, dass das Kind jetzt (mit 6 Monaten) lerne, alleine zu schlafen. Die Antwort meinerseits, dass er das schon lerne, wenn er soweit ist und dass er wohl nur schlecht was lernt, wenn er kreischend alleine im Bett liegt, hat ihn dann wohl etwas aus dem Konzept gebracht. Denn dann wurde plötzlich damit argumentiert, dass es ja auch deshalb wichtig wäre, damit die Mutter auch mal schlafen und sich erholen könne.

Also ich hätte schwören können, bei der U ging es ums Kind! Aber schön, dass sich jemand so für meinen Schlaf und meine Erholung interessiert. Nicht, dass einen Kinderarzt der Schlaf der Mutter was angehen würde… oder ich danach gefragt hätte.

Versteht mich bitte nicht falsch! Ich finde schlafen wirklich toll! Mein Schlaf ist mir sogar so wichtig, dass ich versuche jegliche Störungen zu vermeiden. Und nachts aufstehen zu müssen mit einem hungrigen, kreischenden Baby auf dem Arm, ist das Schlimmste, was man seiner Nachtruhe antun kann! Ich war nie in meinem Leben müder und geräderter, als in der Zeit, als ich unseren Großen in den ersten Lebenswochen nachts mit der Flasche zufüttern musste. Die Minuten im grellen Küchenlicht, in denen ich mit dem brüllenden, hungrigen Zwerg auf dem Arm verbracht habe, bis die Flasche endlich fertig war, waren der blanke Horror. Denn so ein herzzerreißendes Babygebrülle ist wie ein Presslufthammer in meinem Kopf. Danach habe ich immer mindestens eine halbe Stunde gebraucht, bis ich wieder schlafen konnte. Irgendwann war ich so übermüdet, dass mir das Baby beim Stillen vom Arm gerutscht ist. Zum Glück waren wir zu dem Zeitpunkt im Bett!

Im Vergleich dazu ist Stillen im Bett ein Spaziergang: Brust auspacken und hinhalten. Ohne Licht, ohne Babygeschrei. Danach im Halbschlaf die Brust wieder einpacken und friedlich weiterschlafen. Morgens weiß ich als nicht mal mehr, wie oft ich gestillt habe. Und ausgeruht bin ich auch in der Regel. Zumindest einigermaßen.

Und nun will mir allen Ernstes jemand erzählen, dass es für meinen Schlaf und meine Erholung besser sei, wenn ich jede Nacht mehrmals aufstehen müsste um an irgendein Bett zu eilen. Weil der Hunger, der Durst oder die Blase das Kind plagt. Oder einfach auch die Sehnsucht nach Mama. Und wer mir jetzt sagt: die müssen halt lernen, dass sie alleine schlafen müssen, sollte sich fragen, warum er denn nicht alleine, sondern lieber neben seinem Partner schläft. Und das, obwohl wir Erwachsenen selbst in der Lage sind, das Licht anzumachen, wenn es uns gruselt. Auf die Toilette zu gehen, wenn die Blase drückt. Sich was zu trinken zu holen, wenn man Durst hat. Sich zu beruhigen, wenn man schlecht geträumt hat. All das können Babys und kleine Kinder noch nicht. Sie sind der Situation völlig ausgeliefert.

Das man unter Stress kaum was lernt, ist nix Neues. Das Dauerstress krank machen kann, auch nicht. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ein Kind zu etwas zwingen zu wollen, wozu es kognitiv noch gar nicht in der Lage ist. Ob und wann ein Kind alleine Einschlafen und/oder Durchschlafen kann, ist ein Reifeprozess des Gehirns. Daran lässt sich nichts beschleunigen. Ein Kind, dass nachts in Angststarre verfällt, ist zwar still, hat aber nichts gelernt. Ist es wirklich das, was wir für unsere Kinder wollen? Dass sie resignieren oder still sind vor lauter Verzweiflung? Ich jedenfalls nicht. Ich möchte, dass mein Kind gerne schlafen geht und sich dabei sicher und geborgen fühlt. Und ich freue mich, wenn es das irgendwann ohne mich schafft. Wenn mein Kind soweit ist, wird es diesen nächsten Schritt in Richtung Selbstständigkeit gehen. Gerne und alleine.

 

Begleitet ihr eure Kinder in den Schlaf?

Eure Esther

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